Kanonenschuss & Kammermusik

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Das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper in Kammermusik-Konzerten im NEST erleben.

Sie sind über­all. Manch­mal ganz un­auf­fäl­lig in Zi­vil, dann wie­der pom­pös kos­tü­miert. Mit­un­ter trifft man sie im Ru­del hin­ter der Büh­ne, dann wie­der ver­ein­zelt. Sie ste­hen im Schein­wer­fer­licht, spie­len im Or­ches­ter­gra­ben, aber auch im Pu­bli­kums­be­reich, manch­mal tau­chen sie an ab­ge­schie­de­nen Or­ten wie im gro­ßen Lus­ter des Zu­schau­er­raums auf. Und das NEST ha­ben sie mu­si­ka­lisch un­ter Be­schlag ge­nom­men. Aber in wel­cher Form man sie auch im­mer an­trifft, ei­nes ist si­cher: Man hört sie. Denn: Sie sind das Büh­nen­or­ches­ter der Wie­ner Staats­oper.

Mo­ment, das Büh­nen­or­ches­ter? Hat die Staats­oper nicht schon ein Or­ches­ter, näm­lich das im Gra­ben? Ja, frei­lich! Aber es gibt eben ein zwei­tes. Sie mei­nen: Lu­xus? Nein! Es ist Thea­ter­not­wen­dig­keit. Nun klärt uns Mar­kus Henn, der Lei­ter des Klang­kör­pers, end­lich auf: »Das Büh­nen­or­ches­ter ist ei­ne For­ma­ti­on, die zu­stän­dig ist für je­de Form der Mu­sik, die nicht im Or­ches­ter­gra­ben ge­spielt wird. Al­so Mu­sik hin­ter der Sze­ne oder auf der Sze­ne.«

Hin­ter der Sze­ne be­deu­tet, dass di­ver­se Mu­sik­pas­sa­gen oder auch Klang­ef­fek­te ge­wis­ser­ma­ßen von au­ßen kom­men. Das kann Mu­sik sein, die aus dem Hin­ter­grund er­klingt, das kann aber auch ein Gloc­ken­ge­läut sein, ei­ne Trom­pe­ten­fan­fa­re oder ein Ka­no­nen­schuss. Wenn et­wa in Fidelio die An­kunft des Mi­nis­ters durch ein Trom­pe­ten­si­gnal an­ge­kün­digt wird, dann wird die­ses Si­gnal von ei­nem Mit­glied des Büh­nen­or­ches­ters ge­spielt. Im ak­tu­el­len Fall: im Lus­ter. Wenn in Tosca das mor­gend­li­che Rom mit Gloc­ken­ge­läut er­wacht, dann ist da­für auch das Büh­nen­or­ches­ter zu­stän­dig. Und wenn in der­sel­ben Oper die Flucht An­ge­lot­tis durch ei­nen Ka­no­nen­schuss si­gna­li­siert wird, dann … ja, na­tür­lich, das Büh­nen­or­ches­ter.

Auf der Sze­ne wie­der­um heißt, dass nicht nur mu­si­ziert, son­dern auch ge­spielt wird. In Kos­tüm und Mas­ke. Et­wa in Don Giovanni, in Wozzeck, im Maskenball, aber auch der Trom­pe­ter, der dem trau­ri­gen Er­nes­to in Don Pasquale Ge­sell­schaft leis­tet, ist ein Büh­nen­mu­si­ker. Mit an­de­ren Wor­ten: Wann im­mer ei­ne Mu­si­ke­rin, ein Mu­si­ker auf der Büh­ne zu se­hen ist, han­delt es sich um ein Mit­glied des Büh­nen­or­ches­ters. Be­deu­tet das, dass beim Pro­be­spiel auch schau­spie­le­ri­sche Grund­kennt­nis­se ab­ge­prüft wer­den? »Nein«, ver­si­chert Henn. »Es geht nur ums Mu­si­ka­li­sche. Ei­ne Schau­spiel­prü­fung ist nicht vor­ge­se­hen.« Und au­gen­zwin­kern­der Nach­satz: »Da ver­las­sen wir uns ganz auf den na­tür­li­chen Schau­spiel­trieb un­se­rer Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker.«

Her­aus­for­dernd ist die Auf­ga­be des Büh­nen­mu­sik-Di­ri­gen­ten, der die Mu­si­ker hin­ter der Sze­ne an­lei­tet. Denn es heißt, auf den Klang des Haupt­or­ches­ters zu hö­ren, den Schlag des Abend-Di­ri­gen­ten zu über­neh­men, da­bei aber den Mu­si­kern aus­rei­chend Frei­raum zu las­sen und die durch die Ent­fer­nung – man ist ja oft­mals auf der Hin­ter­büh­ne – ent­ste­hen­de Klang­ver­zö­ge­rung rich­tig zu be­rech­nen. Ei­ne tüf­te­li­ge Sa­che, die viel Er­fah­rung, viel Ta­lent und hand­werk­li­ches Kön­nen er­for­dert. Und vor al­lem ei­ne pe­ni­ble Kennt­nis der Wer­ke und der Ei­gen­hei­ten der je­wei­li­gen Di­ri­gen­ten. Mar­kus Henn kennt sie al­le und hat auch das ru­hi­ge Blut, das ei­ne sol­che Her­aus­for­de­rung be­nö­tigt.

Ei­ne gro­ße Auf­ga­be ist das NEST: Hier ist der Klang­kör­per – er be­steht in Sum­me aus 36 Per­so­nen – das Haupt­or­ches­ter, das in den un­ter­schied­lichs­ten For­ma­tio­nen die Pro­duk­tio­nen be­glei­tet. Peter und der Wolf oder Lee Miller, Pro­jek­te für Kin­der oder für Tee­na­ger, Ur­auf­füh­rung oder Re­per­toire, Nes­ter­val oder klas­si­sche Auf­stel­lung: al­les wird be­herrscht.

In der ak­tu­el­len Spiel­zeit kann man die Mit­glie­der nun auch in Kam­mer­mu­sik-Kon­zer­ten (NEST­KLANG) er­le­ben. An vier Ter­mi­nen ste­hen sie auf der NEST-Büh­ne und ge­ben in wech­seln­den Pro­gram­men ei­nen Ein­blick in ihr gro­ßes Kön­nen. Die Pro­jek­te wur­den da­bei be­wusst fa­cet­ten­reich ge­wählt: ei­ne mu­si­ka­li­sche Er­leb­nis­rei­se durch ganz un­ter­schied­li­che auf­re­gen­de Land­schaf­ten. Gleich das ers­te Kon­zert am 4. Fe­bru­ar »zeigt ein gro­ßes Spek­trum vie­ler Sti­le«, wie der Schlag­wer­ker Mi­cha­el Kah­lig er­zählt. »Es ist kein Kam­mer­mu­sik-Kon­zert im klas­si­schen Sin­ne, son­dern ein bun­ter Mix von Wal­zer bis Jazz.« Zu er­le­ben sind vier Schlag­wer­ker und ein Tu­bist.

Ter­min Num­mer zwei stellt das Kla­vier­quin­tett op. 81 von An­to­nín Dvořák ins Zen­trum, am drit­ten Abend holt sich das Büh­nen­or­ches­ter für den kom­plet­ten Canticles-Zy­klus von Ben­ja­min Brit­ten sän­ge­ri­sche Un­ter­stüt­zung vom Opern­stu­dio. Di­ri­gent Dan K. Kur­land: »Die fünf Can­ti­cles-Tei­le er­klin­gen in Wien nicht oft – und noch sel­te­ner als Ein­heit. Sie al­le un­ter­schei­den sich stark in ih­rer In­stru­men­ta­ti­on – ge­mein­sam aber er­ge­ben sie ei­nen wun­der­schö­nen Bo­gen. Und was mir be­son­ders ge­fällt: Man kann in die­sen Wer­ken nicht nur viel über Brit­ten er­fah­ren, son­dern die Stü­cke zei­gen den Kom­po­nis­ten als fan­tas­ti­schen Er­zäh­ler.«

Den Ab­schluss macht ein Fa­mi­li­en­kon­zert, bei dem Blech­blä­ser und Schlag­wer­ker zu­sam­men­kom­men und ei­ne bun­te Mu­sik­mi­schung prä­sen­tie­ren: Fan­fa­ren und Film­mu­sik, Opern­klän­ge und viel an­de­res ste­hen am Pro­gramm. Die Mu­si­ke­rin und Ver­mitt­le­rin Ka­rin Meissl mo­de­riert die Ver­an­stal­tung und führt ihr Pu­bli­kum an die Klang­wel­ten her­an: Wie klin­gen ein­zel­ne In­stru­men­te? Wie wir­ken sie zu­sam­men? Wel­che Bil­der ent­ste­hen in un­se­ren Köp­fen? Was macht Mu­sik mit uns? Ein Nach­mit­tag für al­le ab acht Jah­ren, die ein­mal in die Mu­sik­welt hin­ein­schnup­pern wol­len – oder von Mu­sik ein­fach nicht ge­nug be­kom­men kön­nen!

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