In der »Clemenza« lodert das Feuer inwendig
Interview |
Der aus Spanien stammende Pablo Heras-Casado gehört mittlerweile zu den prägendsten Dirigenten der Gegenwart: Er ist in der historisch informierten Aufführungspraxis und damit in der Barockmusik ebenso beheimatet wie als Mozart-Interpret gefragt oder als Spezialist für die Moderne bzw. die Zeitgenössische gefeiert. Und seit seinem Parsifal-Triumph in Bayreuth ist er auch als Wagner-Dirigent international angesagt. An der Wiener Staatsoper stellte er sich 2021 mit Monteverdis Poppea vor, dem im Jahresabstand zusätzlich dessen Orfeo und schließlich Ritorno d’Ulisse in patria folgten. Ebenso erfolgreich war sein Dirigat der Staatsopernerstaufführung von Ligetis Grand Macabre – die Wiederaufnahme im März leitet er ebenso wie kurz davor die Neuproduktion von Clemenza di Tito. Anlässlich der Premierenserie sprach Pablo Heras-Casado mit Andreas Láng über das Besondere dieser letzten Oper Mozarts und seinen persönlichen interpretatorischen Zugang zu diesem Werk.
La clemenza di Tito ist Mozarts letzte Oper. In welcher musikalischen Welt befinden wir uns hier, gibt es so etwas wie einen mozart’schen Spätstil?
Ja, absolut. In seinem Sterbejahr 1791 hatte Mozart eine außergewöhnliche Synthese erreicht. Wenn wir uns die drei großen Werke ansehen, die fast zeitgleich entstanden sind – Die Zauberflöte, La clemenza di Tito und das Requiem –, erkennen wir eine Sprache, die auf ihre Essenz reduziert ist. Mozarts Spätwerk zeichnet sich durch Transparenz und Konzentration aus, die Komposition wird schlanker, aber emotional tiefer. Es gibt darüber hinaus auch eine gesteigerte spirituelle Dimension, eine Meditation über Vergebung, Sterblichkeit und Transzendenz. Selbst über sehr unterschiedliche Genres hinweg spürt man überdies eine bemerkenswerte Freiheit: Mozart beherrscht die Konventionen vollständig, um sie dann auf geniale Weise zu überwinden.
Und gibt es etwas in Mozarts Schaffen, das nur in der Clemenza zu finden ist?
Vor allem diese besondere Balance zwischen zeremonieller Größe und fast kammermusikalischer Intimität. Die Obligato-Klarinette in Sestos »Parto, parto« und das Bassetthorn in Vitellias »Non più di fiori« schaffen eine einzigartige psychologische Klangwelt. Außerdem herrscht in der gesamten Partitur eine edle Zurückhaltung, die emotionale Intensität wird oft verinnerlicht. Ja, diese Kombination aus imperialer Würde und tiefer Verletzlichkeit ist etwas ganz Spezifisches für die Clemenza.
Mit seinem Idomeneo – einer anderen Seria-Oper – hat der junge Mozart seinen großen Durchbruch als Opernkomponist gefeiert. Was unterscheidet die beiden Werke, worin gleichen sie sich?
Im Idomeneo begegnen wir jugendlichem Feuer und expansiver theatralischer Energie. Der französische Einfluss ist zudem sehr deutlich: große Chöre, Ballettsequenzen, monumentale Dramaturgie. In der Clemenza ist das Feuer immer noch vorhanden, aber es ist nach innen gerichtet. Es geht weniger um äußere Katastrophen als vielmehr um moralische Dilemmata. Beide Werke zeichnen sich durch Noblesse und außergewöhnliche Vokalpartien aus, aber die Clemenza ist philosophischer, konzentrierter.
Inwieweit hebt sich die Clemenza ganz grundsätzlich von Seria-Opern anderer Komponisten dieser Zeit ab? Was ist gewissermaßen untypisch für die Gattung?
Clemenza ist zwar in der Tradition der metastasianischen Opera seria verwurzelt, doch transformiert Mozart diese Tradition von innen heraus. Atypisch ist etwa die psychologische Dichte. Insbesondere die Ensembles sind auf eine Weise dramatisch aufgeladen, die über das Übliche hinausgeht. Und was die Arien angeht, die in vielen Seria-Opern jener Zeit als Vorzeigestücke dienten, ist es interessant zu sehen, wie Mozart nicht mit der Tradition bricht, sondern sie erhebt. Er nutzt die Konventionen der Opera seria (feierlicher Ton, formale Strukturen) als Rahmen, führt jedoch innerhalb dieses Rahmens moderne dramatische Spannung ein. Die traditionelle Form wird so zu einem Raum für innere Konflikte und nicht nur zu einer rhetorischen Zurschaustellung.
Oft wird kritisiert, dass Clemenza qualitativ nicht einheitlich sei: Die Ensembles gelten als großartige Höhepunkte von Mozarts Kompositionskunst, während die Arien eher konventionell und die von Süßmayr geschriebenen Rezitative uninspiriert und bestenfalls durchschnittlich angesehen werden.
Ich stimme dieser Einschätzung nicht zu. Die Ensembles sind in der Tat großartig, aber die Arien sind keineswegs konventionell, wenn man sie mit Blick auf ihre emotionale Komplexität aufführt. Und was die von Franz Xaver Süßmayr vollendeten Rezitative angeht, muss man den Kontext der Dringlichkeit berücksichtigen. Dennoch bleibt die von Mozart konzipierte Gesamtarchitektur zutiefst kohärent. Die Einheit des Werks liegt in seiner moralischen und musikalischen Entwicklung.
Apropos Entwicklung: Zeichnet Mozart auch die charakterliche Entwicklung der Akteure musikalisch nach?
Das macht er, ganz klar. Sesto beispielsweise bewegt sich harmonisch eindeutig in dunkleren Gefilden, bevor er schließlich Erlösung findet; Vitellias Musik entwickelt sich von Brillanz und Kontrolle hin zu Fragmentierung und Verletzlichkeit. Mozart zeichnet diese psychologischen Wandlungen durch die Tonalität, die Orchestrierung und die Dichte der Textur nach.
Es heißt immer, dass Mozart seine Charaktere nicht verurteilt und sie alle liebt. Wie sieht es hier im konkreten Fall der Vitellia aus? Sehr sympathisch ist sie ja nicht …
Mozart urteilt nicht, er versteht. Vitellia verkörpert Ehrgeiz, Eifersucht, Unsicherheit, aber auch Zerbrechlichkeit. In ihrem schon erwähnten Rondo »Non più di fiori« fällt allerdings endlich die Maske: Mozart zeigt uns durch seine Musik ihr wahres Menschentum, ihr Innerstes. Er spricht sie nicht frei, aber er macht sie zutiefst menschlich. Diese Komplexität macht diese Figur so faszinierend.
»Es besteht immer eine Spannung zwischen öffentlicher Autorität und privaten Emotionen. Selbst in Momenten des Triumphs lässt Mozart Raum für Zerbrechlichkeit.«
Wie sieht das Clemenza-Orchester aus? Gibt es irgendwelche Besonderheiten, auf die die Hörerin, der Hörer achten könnte?
Das Orchester hat eine klassische Größe, doch spielen die Bläser (insbesondere die Klarinetten) eine entscheidende Rolle. Die Soloklarinette in »Parto, parto« ist nicht nur Verzierung. Sie fungiert fast wie Sestos innere Stimme, ein psychologischer Partner – das geht weit über die barocke Konzerttradition hinaus. Mozart integriert das konzertante Element in das Drama selbst. Ja, er experimentiert, aber immer im Dienste der Figur und der Dramaturgie.
Eine heute gängige Mozart-Erzählung stellt den Komponisten gerne als politischen Oppositionellen dar, der sich in seinen Partituren hörbar gegen die Obrigkeit stellt. Mit anderen Worten: Ist Clemenza – musikalisch gesehen – mehr als nur eine Auftragsoper zu Ehren eines Monarchen, der Ämter und Gelder zu vergeben hatte?
Die Vorstellung von Mozart als verschlüsseltem politischen Dissidenten erscheint mir zu vereinfachend. Clemenza wurde zwar für eine Krönung geschrieben, aber das Thema der Gnade als höchste Tugend hat ethisches Gewicht. Es handelt sich somit nicht um leere Propaganda, sondern um eine Reflexion über Macht und Menschlichkeit, die nach wie vor relevant ist.
In der Entführung, Così, Don Giovanni, Die Zauberflöte ist die Ouvertüre musikalisch auch thematisch mit dem Stück verbunden. Im Figaro immerhin atmosphärisch. Ist die Clemenza-Ouvertüre einfach nur ein Musikstück oder gibt es irgendeine Verbindung zur Musik der Handlung?
Die Ouvertüre unterstreicht von Anfang an den feierlichen Charakter der Oper, die Brillanz von C-Dur. Sie ist jedenfalls nicht alternativ ersetzbar, zum Beispiel durch die Ouvertüre zu Idomeneo oder einen symphonischen Satz Mozarts. Ihr rhythmisches Profil und ihre Klarheit bereiten die moralische Atmosphäre der Oper vor; die Tonart und die Gestik versetzen uns sofort in eine Welt der Autorität und Erhabenheit.
Mozarts Fähigkeit zur Ironie kommt besonders in den Da-Ponte-Opern zum Ausdruck. Gibt es etwas Ironisches oder Mehrdeutiges in der Musik von Clemenza?
Die Ironie ist hier subtiler als in den Da-Ponte-Opern. Es handelt sich nicht um soziale Ironie, sondern um moralische Mehrdeutigkeit. Es besteht immer eine Spannung zwischen öffentlicher Autorität und privaten Emotionen. Selbst in Momenten des Triumphs lässt Mozart Raum für Zerbrechlichkeit.
Sind die gewählten Tonarten programmatisch oder einfach nur pragmatisch – in dem Sinn, als etwa das B-Dur der »Parto, parto«-Arie Sestos den Möglichkeiten der Klarinette entgegenkommen musste?
Bei Mozart ist die Wahl der Tonart nie rein pragmatisch. Natürlich beeinflussen instrumentale Möglichkeiten, wie beispielsweise die der Klarinette, bestimmte Tonarten, Tonarten haben aber ganz grundsätzlich auch eine expressive Bedeutung. So beginnen und enden Così fan tutte und Die Entführung sowie auch Clemenza in C-Dur. Und das nicht von Ungefähr: C-Dur wird mit Klarheit, Autorität und Ausgewogenheit assoziiert. Im Kontext einer Krönungsoper vermittelt es zudem königliche Bestätigung. Über die Symbolik hinaus schafft es jedoch ein Gefühl der strukturellen Rückkehr, der Wiederherstellung moralischer und musikalischer Ordnung. Interessant ist Mozarts Verhältnis zu den Moll-Tonarten, die er bewusst sparsam verwendet, um ihre Wirkung zu steigern. In der Clemenza treten Moll-Tonarten in Momenten der Krise oder moralischer Unruhe auf und verstärken so die jeweilige emotionale Wirkung. Moll kommt bei Mozart also nicht deshalb selten vor, weil er Dunkelheit vermeidet, sondern weil er Schatten in das Licht integriert. Das Drama entsteht schließlich aus dem Kontrast. Wenn Moll auftritt, fühlt es sich entsprechend unvermeidlich und ausdrucksstark an.
Wir hören heute jede Musik gewissermaßen im Rückblick. Wir hören beispielsweise Mozart mit einer Wagner-Hörerfahrung, einer Puccini-Hörerfahrung, einer Zwölfton-Hörerfahrung – jedenfalls anders als die Zeitgenossen. Dadurch sind aber Momente in der Clemenza-Partitur, die zur Entstehungszeit neu und ungewohnt waren, für uns wenig auffällig. Was bedeutet das für einen Dirigenten wie Sie, der auch aus der historisch informierten Barock-Erfahrung kommt?
Ich denke, dass das, was Sie sagen, ein springender Punkt ist: Die historisch informierte Aufführung geht nämlich weit über den Einsatz von historischen Instrumenten hinaus. Natürlich lernen wir durch den Einsatz dieser Instrumente sehr viel über die Aufführungstechniken und die Ästhetik der jeweiligen Epoche. Und das ist sehr wertvoll. Aber letztendlich muss ein Dirigent oder Interpret immer wieder zur Quelle, zur Partitur, zurückkehren und vermeiden, dass er – wie im Fall von Mozart – von Einflüssen nach Mozart beeinflusst wird. Er muss an die Partitur herangehen, als ob die Tinte noch frisch wäre. Und so versuchen wir, die Werke auf die bestmögliche Weise zum Leben zu erwecken – um dann genau jene Wirkung zu erzielen, die sie ursprünglich auf die Zuhörer hatten.
Fühlt man sich mit Anwachsen der Karrierejahre und damit der Erfahrungsjahre sicherer als Interpret? Oder wachsen mit dem Wissen auch die Anzahl der Fragen und Fragezeichen?
Schwer zu beantworten! Es gibt selbstverständlich einen Grad der Erfahrung, in meinem Fall mehr als dreißig Jahre, und es gibt ein gewisses Maß an Selbstvertrauen durch diese Erfahrung. Aber wie Sie richtig vermuten, nehmen zugleich die Fragen, die Zweifel und die Möglichkeiten unentwegt zu. Als ich jünger war, dachte ich, ich würde nach ein paar Jahren das gesamte Repertoire gut kennen und wissen, wie damit umzugehen ist. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Je weiter man in die Materie eindringt, desto komplexer erscheint sie einem – zugleich aber auch immer faszinierender. Und das treibt mich als Interpreten an, die Partituren immer neu zu studieren und dadurch immer neue Ebenen, Tiefen und Möglichkeiten zu entdecken.
Inwieweit spüren Sie als Interpret der Clemenza Mozarts beobachtenden Blick auf sich?
Vor solchen Vorstellungen hüte ich mich! Der Komponist ist ständig präsent, aber dennoch sind irgendwann interpretatorische Entscheidungen zu treffen, um die Musik zum Leben zu erwecken – und dabei muss man seinem eigenen Instinkt und seinem eigenen kulturellen Wissen folgen. Würde ich zu viel über den prüfenden Blick eines Komponisten nachdenken, könnte ich mich als Musiker nicht rühren.