Im Opern-Olymp
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90 Minuten vor Vorstellungsbeginn. Hinter der Bühne werden letzte Vorbereitungen getroffen, Requisiteure rücken Utensilien zurecht, am Sologang riecht es bereits nach Schminke und Haarspray. Irgendwo singt sich eine Sängerin ein, eine Abendspielleiterin schwirrt herum, wie eine Fieberkurve steigt minütlich die Spannung. Alle gesund? Wie wird der Abend? Letzte Handgriffe. Inmitten dieses Anglühens ein Pol der Ruhe, fast ein Moment der Transzendenz: Da steht ein international führender Tenor am Bühnentürl und plaudert mit einem Autogrammjäger. Entspannt, seelenruhig, ausführlich. Gibt es denn keine Nervosität? »An sich bin ich wie ein Rennpferd vor dem Wettkampf. Ich scharre innerlich mit den Hufen und will, dass es endlich losgeht. Wobei – 90 Minuten vor Beginn, da bin ich schon noch entspannt.« So erzählte er mir einmal. Er: Das ist der Startenor Piotr Beczała, Kammersänger, Ehrendoktor, weltreisender Meisterinterpret.
Geschichten wie diese gibt es viele. Und noch mehr Beczała-Fans. Diese kann man in zwei Gruppen teilen. Die einen kennen ihn auf der Bühne und lieben ihn als Sänger. Die anderen kennen ihn auf – und hinter – der Bühne und lieben ihn als Sänger, ebenso aber auch als Mensch. Denn kaum ein anderer ist so nahbar wie er. Unkompliziert. Herzlich. Und man mag seine Besonderheiten: Vor Premieren etwa bäckt er regelmäßig einen Kuchen, eine Art Ritual. Das alles gehört zum Persönlichkeitsbild und man erzählt darüber gerne. Im Zentrum bleibt aber immer das Große: Das ist der Sänger, der Interpret, der Tenor, die Stimme.
Doch zunächst einmal ganz an den Anfang. Beczała wuchs in Polen auf, wurde südwestlich von Krakau geboren – das nächstgelegene Musiktheater sechzig Kilometer entfernt.
Es war eine glückliche Jugend, über die er gerne berichtet: über den familiären Zusammenhalt, über Momente wie das Kirschenpflücken, über die Liebe zur Natur. Diese Geschichten reflektieren aber mehr als nur kleine Erlebnisse, wie sie viele seiner Generation haben. Sie berichten von einer Zeit hinter dem Eisernen Vorhang, von leeren Regalen in den Geschäften, von einem »großen Gefängnis«, wie es seine Frau nennt. Und sie erzählen, wie sich jemand in die Freiheit träumt.
Kapitän war ein erklärter Berufswunsch der Jugend, denn natürlich: Weite, Reisen, Losziehen – das ging nicht. Sie erzählen aber vor allem, wie sich einer emporarbeitet und sich alles selbst erwerben muss. »Manches ist vielleicht später passiert als bei anderen – aber auch das akzeptiere ich und es war richtig so«, meinte er einmal in einem Interview für die Staatsoper. All das hat ihn freilich auch geprägt und zum Star ohne Starallüren gemacht. Und so hoch er auch im Opernolymp ist: Ein gesunder Realismus ist immer spürbar. Wie sagt er heute? »Ich versuche jeden Tag, intensiv zu leben, freue mich auf jede Vorstellung. Ich erwarte nichts.« Pause. Und dann augenzwinkernd: »Na ja, ein bisschen Applaus ist nicht schlecht.« Dass das »bisschen« in der Regel minutenlang währt und ohrenbetäubend ist, braucht hier nicht extra erwähnt zu werden.
Auch der tiefe Zusammenhalt in der Familie schlägt sich in seinem Leben nieder: »Immer wieder spreche ich mit meiner Frau darüber, wie wir durch ein soziales Engagement, das wir in der Kindheit kennenlernten, geprägt wurden. Es war selbstverständlich, dass man älteren Personen im Bus den Platz überlässt, dass man zuhört, dass man auf andere Menschen zugeht, ohne irgendwas zu erwarten.« Und, so merkt er kritisch an: »Das ist heutezutage leider unpopulär, in einer Zeit, in der Egozentrismus und Egoismus um sich greifen.«
»Ich versuche jeden Tag, intensiv zu leben, freue mich auf jede Vorstellung. Ich erwarte nichts … Na ja, ein bisschen Applaus ist nicht schlecht.«
Beczała findet seinen Weg zur Musik, lernt als Teenager das Glück des Gesangs kennen. Und schmettert ein paar Jahre später die ersten großen Arien. Es liegt an Sena Jurinac, ihn und seine Stimme in die richtigen Bahnen zu lenken. Nicht Cavaradossi soll der junge Tenor singen, sondern Mozart. Eine so korrekte wie kluge Richtungsweisung, die dem Tenor eine sichere und krisenfreie Karriere ermöglicht.
Tja, und dann kommt die Wiener Staatsoper ins Spiel. Beczała fährt nach Wien, arbeitet zunächst auf einer Baustelle und entdeckt die Straßenmusik. Etwa dreihundert Schritte vom Haus am Ring entfernt, da gibt er sein Wien-Debüt. Er steht auf der Kärntnerstraße, singt Arien – und verdient mehr als auf der Baustelle. Das ist aber nur die erfreuliche Nebensache. Die Hauptsache: Er erfährt, dass man für wenig Geld auf den Stehplatz gehen kann. Hier betritt er eine neue Welt, erlebt Éva Marton als Turandot – und beschließt, wiederzukommen. Drei Wochen lang besucht er das Haus am Ring, hört die Ikonen der Zeit, ist gebannt. »Eine Art Gesangsunterricht«, nannte er es später einmal. »Und wenn man manchmal gemerkt hat, dass auch einer der Stars am Ende des Abends etwas müde wird, dann war das für mich fast beruhigend – denn ich lernte, dass auch die ganz Großen nur Menschen sind …«
Nicht wissen konnte er damals, dass er ein paar Jahre später die Seite wechseln würde, vom Stehplatz auf die Staatsopern-Bühne. Diese betritt er erstmals am 18. Mai 1996, als Konzertsänger im Te Deum von Anton Bruckner, Dirigent: Carlo Maria Giulini. Und zweieinhalb Jahre später, am 29. Dezember 1998, folgt das Opern-Debüt: Tamino in der Zauberflöte. Ein abenteuerliches Einspringen mit nur einer Probe. Vier Monate darauf ist er wieder da, nun als Belmonte in der Entführung, dann eine Pause – und ab 2008 ist er Dauergast: Beczała ist inzwischen der Beczała, mit Auftritten rund um die Welt, 2006 debütiert er etwa an der New Yorker Metropolitan Opera als Herzog in Rigoletto, eine »neue Ära« für ihn.
Die Staatsoper wird und ist eine seiner besonderen Heimaten. Wie ein Panoptikum können wir die Bilder vorüberziehen lassen:
Don José in Carmen – eine Rolle, die er immer wieder im Haus am Ring gestalten wird. Faust in Gounods gleichnamiger Oper. Manrico im Trovatore: atemberaubend, zuletzt im Juni 2025. Davor natürlich: Belcanto, als Edgardo in Lucia di Lammermoor. Herzog im Rigoletto – eine Premierenproduktion, die er veredelte. Dazwischen auch kleine Glanzpunkte wie der Sänger im Rosenkavalier. Dann wieder: Prinz in Rusalka, eine Paraderolle, die man nun im Jänner wieder erleben darf. Lohengrin – eine »ziemlich italienisch geschriebene Rolle«. Und stets, über allem: Cavaradossi in Tosca. Welche gesangliche Schönheit erlebt man da, welch perfekten Puccini-Stil, Glanz in der Stimme, Schmelz, ideales Timing, Musikalität. E lucevan le stelle: kein Wunder, dass das Publikum nicht zu klatschen aufhören will. Und kein Wunder, dass Kritiker seine Stimme in höchsten Tönen loben.
Aber, apropos Stimme. Wie würde er selbst sie denn beschreiben? »Keine leichte Frage«, zögert er. »Schwierig, weil ich sie nicht so höre wie das Publikum. Diese Antwort muss jemand liefern, der ›von außen‹ zuhört.« Und dann zwar keine poetische Farbbeschreibung, aber eine technische Fachdefinition: »Ich bin einfach ein lyrischer Tenor – und ich werde immer ein lyrischer Tenor bleiben. Das bedeutet, dass ich mehr aus der Farbe heraus arbeite und weniger über einen metallischen Ton. Ich versuche also, auch bei den dramatischen Ausbrüchen immer die lyrische Komponente beizubehalten, denn das ist meine DNA als Sänger. Natürlich kann ich mir inzwischen auch erlauben, ein bisschen zu experimentieren und anders an die Töne heranzugehen. Aber dennoch bleibe ich immer auf einer lyrischen Basis.«
»Natürlich kann ich mir inzwischen auch erlauben, ein bisschen zu experimentieren und anders an die Töne heranzugehen. Aber dennoch bleibe ich immer auf einer lyrischen Basis.«
Und weil wir über das äußere Ohr sprachen: Ein solches ist übrigens seine Ehefrau, ebenfalls eine Sängerin, die sich nach großen Erfolgen gegen eine internationale Karriere entschied. Sie hört zu, kann beraten, darf sogar kritisieren: eine ungemeine Unterstützung, die vieles erst möglich macht.
Noch ein weiterer Aspekt ist zu nennen, der das Zusammenarbeiten mit Beczała definiert und auszeichnet: ein hoher Grad an Professionalität. Das beginnt bei Dingen wie dem Kostüm – seine Mutter war Schneiderin, auch in diesem Genre ist er also sattelfest und hat fundierte Urteile –, und endet natürlich direkt auf der Bühne. »Im Vorfeld braucht es Vorbereitung, und die muss top sein!«, erzählte er mir einmal. »Ohne Wenn und Aber. Wenn man zur Probe kommt, muss alles sitzen und man muss gemeinsam mit den Kollegen die Aufführung entwickeln und zusammenbauen. Sehr genau und professionell. Alles andere ist undenkbar.« Keine falsch verstandene Lockerheit also, sondern im tatsächlichen Bühnenleben der Fokus auf ernsthaftes Arbeiten, Konzentration, Hingabe.
Das ist die eine Seite, das Handwerk. Es gibt aber noch eine andere, ein angeborenes »Theater-Gen«: Existiert ein solches? Ein Talent, das einen ins Scheinwerferlicht lockt? »Also, eine ausgeprägte Theaterneigung muss man schon haben, sonst wird das alles nichts. Es braucht diese Freude, auf der Bühne zu stehen, dieses Gefühl des: Da zieht es mich hin! Und man muss schon an den Punkt kommen, an dem das Theaterspiel einem eine zweite Natur wird. Fühlt man sich hingegen im Scheinwerferlicht unwohl, steht man nicht hinter der Sache oder will man am liebsten schnell wieder von der Bühne runter – dann kann das Publikum das spüren. Kurzum: Man muss das Theater lieben – sonst wird das nichts!«
Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Stimme? Eine Geschäftsbeziehung? Eine Liebesbeziehung? Freundschaftlich?
Na ja, keine »Beziehung«. Sie ist mein Instrument. Sie muss gepflegt werden, ich muss auf sie aufpassen und schauen, dass sie gesund bleibt. Aber: Ich benutze sie. Es ist aber nicht so, dass da ein zweiter Mensch wäre, dass ich von ihr in dritter Person redete. Oder dass ich sie etwa vor einer schwierigen Stelle anflehte, so ein: »Bitte, verlass mich nicht!« Nein, es ist das Verhältnis wie das eines Rennfahrers zum Motor. Was nicht bedeutet, dass ich nicht über sie nachdächte. Ich kenne sie, ich weiß, was sie braucht und was sie kann. Und ich versuche, sie ideal zu verwenden.