Im Opern-Olymp

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Ein Portrait über KS Piotr Beczała, der im Jänner wieder den Prinzen in »Rusalka« singt.

90 Mi­nu­ten vor Vor­stel­lungs­be­ginn. Hin­ter der Büh­ne wer­den letz­te Vor­be­rei­tun­gen ge­trof­fen, Re­qui­si­teu­re rü­cken Uten­si­li­en zu­recht, am So­lo­gang riecht es be­reits nach Schmin­ke und Haar­spray. Ir­gend­wo singt sich ei­ne Sän­ge­rin ein, ei­ne A­bend­spiel­lei­te­rin schwirrt her­um, wie ei­ne Fie­ber­kur­ve steigt mi­nüt­lich die Span­nung. Al­le ge­sund? Wie wird der A­bend? Letz­te Hand­grif­fe. In­mit­ten die­ses An­glü­hens ein Pol der Ru­he, fast ein Mo­ment der Tran­szen­denz: Da steht ein in­ter­na­tio­nal füh­ren­der Te­nor am Büh­nen­türl und plau­dert mit ei­nem Au­to­gramm­jä­ger. Ent­spannt, see­len­ru­hig, aus­führ­lich. Gibt es denn kei­ne Ner­vo­si­tät? »An sich bin ich wie ein Renn­pferd vor dem Wett­kampf. Ich schar­re in­ner­lich mit den Hu­fen und will, dass es end­lich los­geht. Wo­bei – 90 Mi­nu­ten vor Be­ginn, da bin ich schon noch ent­spannt.« So er­zähl­te er mir ein­mal. Er: Das ist der Star­ten­or Piotr Beczała, Kam­mer­sän­ger, Eh­ren­dok­tor, welt­rei­sen­der Meis­ter­in­ter­pret.

Ge­schich­ten wie die­se gibt es vie­le. Und noch mehr Beczała-Fans. Die­se kann man in zwei Grup­pen tei­len. Die ei­nen ken­nen ihn auf der Büh­ne und lie­ben ihn als Sän­ger. Die an­de­ren ken­nen ihn auf – und hin­ter – der Büh­ne und lie­ben ihn als Sän­ger, e­ben­so a­ber auch als Mensch. Denn kaum ein an­de­rer ist so nah­bar wie er. Un­kom­pli­ziert. Herz­lich. Und man mag sei­ne Be­son­der­hei­ten: Vor Pre­mie­ren et­wa bäckt er re­gel­mä­ßig ei­nen Ku­chen, ei­ne Art Ri­tu­al. Das al­les ge­hört zum Per­sön­lich­keits­bild und man er­zählt dar­ü­ber ger­ne. Im Zen­trum bleibt a­ber im­mer das Gro­ße: Das ist der Sän­ger, der In­ter­pret, der Te­nor, die Stim­me.

Doch zu­nächst ein­mal ganz an den An­fang. Beczała wuchs in Po­len auf, wur­de süd­west­lich von Kra­kau ge­bo­ren – das nächst­ge­le­ge­ne Mu­sik­the­a­ter sech­zig Ki­lo­me­ter ent­fernt. 

Es war ei­ne glück­li­che Ju­gend, ü­ber die er ger­ne be­rich­tet: ü­ber den fa­mi­li­ä­ren Zu­sam­men­halt, ü­ber Mo­men­te wie das Kir­schen­pflü­cken, ü­ber die Lie­be zur Na­tur. Die­se Ge­schich­ten re­flek­tie­ren a­ber mehr als nur klei­ne Er­leb­nis­se, wie sie vie­le sei­ner Ge­ne­ra­ti­on ha­ben. Sie be­rich­ten von ei­ner Zeit hin­ter dem Ei­ser­nen Vor­hang, von lee­ren Re­ga­len in den Ge­schäf­ten, von ei­nem »gro­ßen Ge­fäng­nis«, wie es sei­ne Frau nennt. Und sie er­zäh­len, wie sich je­mand in die Frei­heit träumt. 

Ka­pi­tän war ein er­klär­ter Be­rufs­wunsch der Ju­gend, denn na­tür­lich: Wei­te, Rei­sen, Los­zie­hen – das ging nicht. Sie er­zäh­len a­ber vor al­lem, wie sich ei­ner em­por­ar­bei­tet und sich al­les selbst er­wer­ben muss. »Man­ches ist viel­leicht spä­ter pas­siert als bei an­de­ren – a­ber auch das ak­zep­tie­re ich und es war rich­tig so«, mein­te er ein­mal in ei­nem In­ter­view für die Staats­o­per. All das hat ihn frei­lich auch ge­prägt und zum Star oh­ne Star­al­lü­ren ge­macht. Und so hoch er auch im O­pern­o­lymp ist: Ein ge­sun­der Re­a­lis­mus ist im­mer spür­bar. Wie sagt er heu­te? »Ich ver­su­che je­den Tag, in­ten­siv zu le­ben, freue mich auf je­de Vor­stel­lung. Ich er­war­te nichts.« Pau­se. Und dann au­gen­zwin­kernd: »Na ja, ein biss­chen Ap­plaus ist nicht schlecht.« Dass das »biss­chen« in der Re­gel mi­nu­ten­lang währt und oh­ren­be­täu­bend ist, braucht hier nicht ex­tra er­wähnt zu wer­den.


Auch der tie­fe Zu­sam­men­halt in der Fa­mi­lie schlägt sich in sei­nem Le­ben nie­der: »Im­mer wie­der spre­che ich mit mei­ner Frau da­rü­ber, wie wir durch ein so­zia­les En­ga­ge­ment, das wir in der Kind­heit ken­nen­lern­ten, ge­prägt wur­den. Es war selbst­ver­ständ­lich, dass man äl­te­ren Per­so­nen im Bus den Platz ü­ber­lässt, dass man zu­hört, dass man auf an­de­re Men­schen zu­geht, oh­ne ir­gend­was zu er­war­ten.« Und, so merkt er kri­tisch an: »Das ist heu­te­zu­ta­ge lei­der un­po­pu­lär, in ei­ner Zeit, in der E­go­zen­tris­mus und E­go­is­mus um sich grei­fen.«

»Ich ver­su­che je­den Tag, in­ten­siv zu le­ben, freue mich auf je­de Vor­stel­lung. Ich er­war­te nichts … Na ja, ein bisschen Applaus ist nicht schlecht.«

Beczała fin­det sei­nen Weg zur Mu­sik, lernt als Tee­na­ger das Glück des Ge­sangs ken­nen. Und schmet­tert ein paar Jah­re spä­ter die ers­ten gro­ßen A­ri­en. Es liegt an Sena Jurinac, ihn und sei­ne Stim­me in die rich­ti­gen Bah­nen zu len­ken. Nicht Ca­va­ra­dos­si soll der jun­ge Te­nor sin­gen, son­dern Mo­zart. Ei­ne so kor­rek­te wie klu­ge Rich­tungs­wei­sung, die dem Te­nor ei­ne si­che­re und kri­sen­freie Kar­rie­re er­mög­licht.

Tja, und dann kommt die Wie­ner Staats­o­per ins Spiel. Beczała fährt nach Wien, ar­bei­tet zu­nächst auf ei­ner Bau­stel­le und ent­deckt die Stra­ßen­mu­sik. Et­wa drei­hun­dert Schrit­te vom Haus am Ring ent­fernt, da gibt er sein Wien-De­büt. Er steht auf der Kärnt­ner­stra­ße, singt A­ri­en – und ver­dient mehr als auf der Bau­stel­le. Das ist a­ber nur die er­freu­li­che Ne­ben­sa­che. Die Haupt­sa­che: Er er­fährt, dass man für we­nig Geld auf den Steh­platz ge­hen kann. Hier be­tritt er ei­ne neue Welt, er­lebt Éva Marton als Tu­ran­dot – und be­schließt, wie­der­zu­kom­men. Drei Wo­chen lang be­sucht er das Haus am Ring, hört die I­ko­nen der Zeit, ist ge­bannt. »Ei­ne Art Ge­sangs­un­ter­richt«, nann­te er es spä­ter ein­mal. »Und wenn man manch­mal ge­merkt hat, dass auch ei­ner der Stars am En­de des A­bends et­was mü­de wird, dann war das für mich fast be­ru­hi­gend – denn ich lern­te, dass auch die ganz Gro­ßen nur Men­schen sind …«

Nicht wis­sen konn­te er da­mals, dass er ein paar Jah­re spä­ter die Sei­te wech­seln wür­de, vom Steh­platz auf die Staats­o­pern-Büh­ne. Die­se be­tritt er erst­mals am 18. Mai 1996, als Kon­zert­sän­ger im Te Deum von An­ton Bruck­ner, Di­ri­gent: Car­lo Ma­ria Giu­li­ni. Und zwei­ein­halb Jah­re spä­ter, am 29. De­zem­ber 1998, folgt das O­pern-De­büt: Ta­mi­no in der Zau­ber­flö­te. Ein a­ben­teu­er­li­ches Ein­sprin­gen mit nur ei­ner Pro­be. Vier Mo­na­te da­rauf ist er wie­der da, nun als Bel­mon­te in der Ent­füh­rung, dann ei­ne Pau­se – und ab 2008 ist er Dau­er­gast: Beczała ist in­zwi­schen der Beczała, mit Auf­trit­ten rund um die Welt, 2006 de­bü­tiert er et­wa an der New Yor­ker Me­tro­po­li­tan O­pe­ra als Her­zog in Ri­go­let­to, ei­ne »neue Ä­ra« für ihn.

Die Staats­o­per wird und ist ei­ne sei­ner be­son­de­ren Hei­ma­ten. Wie ein Pa­nop­ti­kum kön­nen wir die Bil­der vor­ü­ber­zie­hen las­sen: 

Don Jo­sé in Car­men – ei­ne Rol­le, die er im­mer wie­der im Haus am Ring ge­stal­ten wird. Faust in Gou­nods gleich­na­mi­ger O­per. Man­ri­co im Tro­va­to­re: a­tem­be­rau­bend, zu­letzt im Ju­ni 2025. Da­vor na­tür­lich: Bel­can­to, als Ed­gar­do in Lu­cia di Lam­mer­moor. Her­zog im Ri­go­let­to – ei­ne Pre­mie­ren­pro­duk­ti­on, die er ve­re­del­te. Da­zwi­schen auch klei­ne Glanz­punk­te wie der Sän­ger im Ro­sen­ka­va­lier. Dann wie­der: Prinz in Ru­sal­ka, ei­ne Pa­ra­de­rol­le, die man nun im Jän­ner wie­der er­le­ben darf. Lo­hen­grin – ei­ne »ziem­lich i­ta­lie­nisch ge­schrie­be­ne Rol­le«. Und stets, ü­ber al­lem: Ca­va­ra­dos­si in Tos­ca. Wel­che ge­sang­li­che Schön­heit er­lebt man da, welch per­fek­ten Puc­ci­ni-Stil, Glanz in der Stim­me, Schmelz, i­de­a­les Ti­ming, Mu­si­ka­li­tät. E lu­ce­van le stel­le: kein Wun­der, dass das Pu­bli­kum nicht zu klat­schen auf­hö­ren will. Und kein Wun­der, dass Kri­ti­ker sei­ne Stim­me in höchs­ten Tö­nen lo­ben.

A­ber, a­pro­pos Stim­me. Wie wür­de er selbst sie denn be­schrei­ben? »Kei­ne leich­te Fra­ge«, zö­gert er. »Schwie­rig, weil ich sie nicht so hö­re wie das Pu­bli­kum. Die­se Ant­wort muss je­mand lie­fern, der ›von au­ßen‹ zu­hört.« Und dann zwar kei­ne poe­ti­sche Farb­be­schrei­bung, a­ber ei­ne tech­ni­sche Fach­de­fi­ni­ti­on: »Ich bin ein­fach ein ly­ri­scher Te­nor – und ich wer­de im­mer ein ly­ri­scher Te­nor blei­ben. Das be­deu­tet, dass ich mehr aus der Far­be her­aus ar­bei­te und we­ni­ger ü­ber ei­nen me­tal­li­schen Ton. Ich ver­su­che al­so, auch bei den dra­ma­ti­schen Aus­brü­chen im­mer die ly­ri­sche Kom­po­nen­te bei­zu­be­hal­ten, denn das ist mei­ne DNA als Sän­ger. Na­tür­lich kann ich mir in­zwi­schen auch er­lau­ben, ein biss­chen zu ex­pe­ri­men­tie­ren und an­ders an die Tö­ne her­an­zu­ge­hen. A­ber den­noch blei­be ich im­mer auf ei­ner ly­ri­schen Ba­sis.«

»Natürlich kann ich mir inzwischen auch erlauben, ein bisschen zu experimentieren und anders an die Töne heran­zugehen. Aber dennoch bleibe ich immer auf einer lyrischen Basis.«
 

Und weil wir ü­ber das äu­ße­re Ohr spra­chen: Ein sol­ches ist üb­ri­gens sei­ne Ehe­frau, e­ben­falls ei­ne Sän­ge­rin, die sich nach gro­ßen Er­fol­gen ge­gen ei­ne in­ter­na­tio­na­le Kar­rie­re ent­schied. Sie hört zu, kann be­ra­ten, darf so­gar kri­ti­sie­ren: ei­ne un­ge­mei­ne Un­ter­stüt­zung, die vie­les erst mög­lich macht.

Noch ein wei­te­rer As­pekt ist zu nen­nen, der das Zu­sam­men­ar­bei­ten mit Beczała de­fi­niert und aus­zeich­net: ein ho­her Grad an Pro­fes­sio­na­li­tät. Das be­ginnt bei Din­gen wie dem Kos­tüm – sei­ne Mut­ter war Schnei­de­rin, auch in die­sem Gen­re ist er al­so sat­tel­fest und hat fun­dier­te Ur­tei­le –, und en­det na­tür­lich di­rekt auf der Büh­ne. »Im Vor­feld braucht es Vor­be­rei­tung, und die muss top sein!«, er­zähl­te er mir ein­mal. »Oh­ne Wenn und A­ber. Wenn man zur Pro­be kommt, muss al­les sit­zen und man muss ge­mein­sam mit den Kol­le­gen die Auf­füh­rung ent­wi­ckeln und zu­sam­men­bau­en. Sehr ge­nau und pro­fes­sio­nell. Al­les an­de­re ist un­denk­bar.« Kei­ne falsch ver­stan­de­ne Lo­cker­heit al­so, son­dern im tat­säch­li­chen Büh­nen­le­ben der Fo­kus auf ernst­haf­tes Ar­bei­ten, Kon­zen­tra­ti­on, Hin­ga­be.

Das ist die ei­ne Sei­te, das Hand­werk. Es gibt a­ber noch ei­ne an­de­re, ein an­ge­bo­re­nes »The­a­ter-Gen«: Exis­tiert ein sol­ches? Ein Ta­lent, das ei­nen ins Schein­wer­fer­licht lockt? »Al­so, ei­ne aus­ge­präg­te The­a­ter­nei­gung muss man schon ha­ben, sonst wird das al­les nichts. Es braucht die­se Freu­de, auf der Büh­ne zu ste­hen, die­ses Ge­fühl des: Da zieht es mich hin! Und man muss schon an den Punkt kom­men, an dem das The­a­ter­spiel ei­nem ei­ne zwei­te Na­tur wird. Fühlt man sich hin­ge­gen im Schein­wer­fer­licht un­wohl, steht man nicht hin­ter der Sa­che oder will man am liebs­ten schnell wie­der von der Büh­ne run­ter – dann kann das Pu­bli­kum das spü­ren. Kurz­um: Man muss das The­a­ter lie­ben – sonst wird das nichts!«

Wie ist Ihr Ver­hält­nis zu Ih­rer Stim­me? Ei­ne Ge­schäfts­be­zie­hung? Ei­ne Lie­bes­be­zie­hung? Freund­schaft­lich?

Na ja, kei­ne »Be­zie­hung«. Sie ist mein In­stru­ment. Sie muss ge­pflegt wer­den, ich muss auf sie auf­pas­sen und schau­en, dass sie ge­sund bleibt. A­ber: Ich be­nut­ze sie. Es ist a­ber nicht so, dass da ein zwei­ter Mensch wä­re, dass ich von ihr in drit­ter Per­son re­de­te. O­der dass ich sie et­wa vor ei­ner schwie­ri­gen Stel­le an­fleh­te, so ein: »Bit­te, ver­lass mich nicht!« Nein, es ist das Ver­hält­nis wie das ei­nes Renn­fah­rers zum Mo­tor. Was nicht be­deu­tet, dass ich nicht ü­ber sie nach­däch­te. Ich ken­ne sie, ich weiß, was sie braucht und was sie kann. Und ich ver­su­che, sie i­de­al zu ver­wen­den.

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