Gestatten, Giacomo Puccini!
NEST |
Zum zweiten Mal wird im NEST, der neuen Spielstätte der Wiener Staatsoper, einer der großen Komponisten des Opernrepertoires zum Leben erweckt. Diesmal: Giacomo Puccini. Im Komponistenporträt Gestatten, Giacomo Puccini! , das sich gezielt an Kinder und junggebliebene Erwachsene richtet, führt der Komponist selbst durch die prägendsten Momente seines Lebens – selbstverständlich begleitet von den schönsten Melodien seines Opernwerks.
Manchmal entsteht die bewegendste und inspirierendste Arbeit im Kleinen – ohne große Bühnenbilder, ohne aufwendige Kostüme, ohne ein 90-köpfiges Orchester. Doch die konzentrierte Hingabe ist von Beginn an spürbar. Und sie wird belohnt, wenn am Vorstellungstag die begeisterten Rufe des jungen Publikums den Zuschauerraum füllen.
Zwei Frauen stehen erneut im Zentrum dieser Begeisterung: Christiane Lutz, Regisseurin und Autorin, die einige Jahre das Kinderopernzelt der Wiener Staatsoper koordinierte und sich am NEST für die Oper-animiert-Reihe und das erste Komponistenporträt Wagnis Wagner verantwortlich zeichnete. Und Lisa Padouvas, langjährige Regieassistentin und Spielleiterin an der Wiener Staatsoper, mehrfach auch als Regisseurin, u. a. bei Wagnis Wagner, tätig. Ein erprobtes Duo also, das nicht nur das Leben dieses Ausnahmekomponisten erzählen, sondern vor allem Begeisterung für die Oper wecken möchte.
Ich spreche mit beiden, nachdem die Proben bereits begonnen haben – die Arbeiten laufen schon auf Hochtouren. Das Skript steht selbstverständlich längst, wenngleich für Christiane Lutz im Probenprozess genügend Flexibilität erhalten bleiben soll: »Ich schätze es sehr, mit Lisa jemanden zu haben, die mit eigenen Ansätzen an das Skript herangeht, die Charaktere nochmal anders ausarbeitet, Szenen umstellt usw. Genau das ist ja das Faszinierende insbesondere am Musiktheater, wo so viele Kräfte zusammenkommen – die Regie mit einem eigenen Blick, Darsteller mit ihrem eigenen Empfinden und Humor, die Musik, das Dirigat ... Ich finde es großartig, wenn man am Ende drin sitzt und plötzlich von seinem eigenen Werk überrascht wird.«
Natürlich steht die Freude am Erzählen und an der Musik im Vordergrund. Auf spielerische Art und Weise wird durch die wichtigsten Werke und Stationen im Leben des Komponisten geführt – diesmal mit dem Meister selbst auf der Bühne: »Mich hat vor allem die Frage beschäftigt, wie man den Stoff für ein jüngeres Publikum gut aufbereiten kann«, erzählt Lisa Padouvas. »Puccini als historische Figur ist wahnsinnig interessant, aber seine Werke sind für Kinder nicht so leicht zu vermitteln. Also haben wir uns gefragt: ›Okay, wie verpacken wir das jetzt gut?‹ Und da kamen wir auf die Idee, dass Puccini selbst durch das Stück führt – als Anknüpfungspunkt für das Publikum. Wir spielen mit der Idee des Theaters im Theater. Puccini war dafür bekannt, sich stark in Produktionen einzumischen, Regiekonzepte zu bemängeln oder Besetzungen zu kritisieren – vielleicht hat er sich das bei Wagner abgeschaut. Jedenfalls dachte ich mir: Genau das kann man doch gut zeigen. Wir bauen es also so, dass Puccini als Figur immer auf der Bühne ist, seine Opern quasi im Stehgreif komponiert und die anderen Personen dabei immer wieder in die verschiedenen Operncharaktere schlüpfen.«
»Am Ende der Vorstellung gehen die Kinder nach Hause und haben alle großen Melodien aus Puccinis Opern gehört. Das ist eine unglaubliche dichte an emotionalem Erleben.«
»Wir haben uns natürlich gefragt: ›Wer ist spannend? Wer hat eine interessante Biografie?‹«, erzählt Christiane Lutz. »Aber im Endeffekt ging es mir auch sehr konkret um Vermittlung: Die Spielpläne dieser Welt funktionieren nicht ohne Puccini. Und wenn wir im NEST Oper ›in a nutshell‹ machen wollen, gehört Puccini unweigerlich dazu. Am Ende der Vorstellung gehen die Kinder nach Hause und haben alle großen Melodien aus Puccinis Opern gehört. Das ist eine unglaubliche Dichte an emotionalem Erleben.«
Diese Dichte zeigt sich auch in den visuellen Eindrücken. Wie schon bei Wagnis Wagner sitzt das Orchester auf der Bühne. Für die Regie und die Darsteller zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber auch mit neuem Potenzial: »Man bekommt einen ganz anderen Eindruck davon, wie die Musik funktioniert – an sich und in Verbindung mit der Szene.« (Lisa Padouvas)
Ob sie denn auch anders arbeite in dem Wissen, dass das Publikum ein anderes ist? »Definitiv! Für mich ist es vor allem wichtig, dass es immer wieder Anknüpfungspunkte gibt – Momente, in denen wir die Kinder direkt adressieren und einbeziehen. Dementsprechend erzählen wir bewusst in kürzeren Episoden, damit niemand den Faden verliert.«
Christiane Lutz sieht es ähnlich: »Theater ist in erster Linie Kommunikation. Ich schreibe anders, wenn ich ein junges Publikum adressiere, genauso wie man ja auch andere Worte wählt, je nachdem, mit wem man spricht. Mir macht es unglaublich viel Spaß, für ein junges Publikum zu schreiben, das zum einen völlig unvoreingenommen ist, zum anderen aber auch gnadenlos ehrlich. Wenn die Witze nicht funktionieren, dann kommt auch keine Reaktion. Dafür ist es wunderbar, wie hemmungslos begeistert Kinder sein können, wenn alles gut funktioniert.«
Wie es denn um den Opernnachwuchs steht, frage ich am Ende noch – natürlich vor dem Hintergrund der in den letzten Wochen in den sozialen Medien kursierenden Videos des Schauspielers Timothée Chalamet: »Der Oper wird schon sehr lange nachgesagt, dass sie tot sei, und sie lebt immer noch«, so Christiane Lutz. »Aber Kulturgut muss grundsätzlich von Generation zu Generation weitergegeben werden: Nur durchs Vorleben kann die Oper auch weiterleben. Mit anderen Worten, es liegt an uns, die Oper am Leben zu halten. Aber die Begeisterungsfähigkeit, die ist uneingeschränkt vorhanden – absolut ungeschmälert, und davon bin ich überzeugt, weil das unmittelbare Empfinden am Theater eben einfach unvergleichlich wirkt.«
Was also das Besondere an Puccini sei? Warum man ausgerechnet mit ihm diese Begeisterung wecken kann? »Ich liebe bei Puccini einfach diese großen Gefühle«, schwärmt Lisa Padouvas. »Man kann sich komplett in die Emotionen und die Musik hineinfallen lassen. Egal, wie der Arbeitstag läuft, sobald man seine Musik hört, weiß man mit vollster Überzeugung, warum man diesen Beruf gewählt hat.«