zum Inhalt springen zur Navigation springen

Geheimnis muss Geheimnis bleiben

News |

Über den Theatermacher Jan Lauwers

Gibt es Lie­be auf den er­sten Blick? Zweifel­los. Und si­cher­lich auch: Thea­ter­lie­be. So ge­schah es et­wa, als ich vor in­zwi­schen mehr als 20 Jah­ren erst­mals ei­ne Jan-Lauwers-Pro­duk­ti­on er­leb­te. 

Es war beim Wie­ner Im­puls-Fes­ti­val im Som­mer 2005, und es war sein un­ver­gleich­li­cher Abend Isabella’s Room. Ein künst­le­risch weit­läu­fi­ger Abend, der Mu­sik und Spra­che, Er­zäh­lung und At­mo­sphä­re, Tanz und Vi­deo ver­ein­te und mich sprach­los zu­rück­ließ. Was war das für ein Abend ge­we­sen, in den man ein­tauch­te und als gänz­lich an­de­rer wie­der her­aus­kam? Der in selt­sa­men Far­ben schim­mer­te, er­zähl­te und er­zähl­te? »Der Schluss­ap­plaus: ein ein­zi­ger Bra­vo-Auf­schrei des Pu­bli­kums«, no­tier­te ich mir da­mals nach der Pre­mie­re, und es wun­dert nie­man­den, dass sich bald Ver­bün­de­te in Sa­chen Lauwers grup­pier­ten. Der spä­te­re Burg­thea­ter-Di­rek­tor Mat­thi­as Hart­mann et­wa, der die atem­neh­men­de Kraft von Lauwers’ Thea­ter­spra­che im­mer wie­der als prä­gend be­zeich­ne­te. Und wie sich das Pu­bli­kum in ganz Eu­ro­pa wie bei ei­nem Pop­kon­zert stun­den­lang für Vor­stel­lun­gen an­stell­te, dar­an er­in­nert sich die Lauwers-Dra­ma­tur­gin El­ke Jans­sens bis heu­te.

Lauwers und sei­ne fa­bel­haf­te Trup­pe an Thea­ter­ver­bün­de­ten, ge­nannt Needcompany, er­zäh­len uns die Welt, in der wir le­ben, stets neu. Sie tun das ge­mein­sam, weil sie an ei­ne Zu­sam­men­ar­beit glau­ben und es zu Lauwers’ Ta­lent ge­hört, bei al­len das Bes­te her­aus­zu­for­dern. Needcompany, das be­deu­tet: I need com­pa­ny, ich brau­che Ge­sell­schaft, um schaf­fen zu kön­nen. Hat man die­se Ge­mein­schaft ge­fun­den, sitzt man zu­sam­men, for­mu­liert und fin­det, pro­biert und lässt sich von an­de­ren in­spi­rie­ren. Dar­aus formt sich et­was, das Lauwers’ Leib­wort sein könn­te, näm­lich Mehr­deu­tig­keit. So sind die Fi­gu­ren, de­nen man be­geg­net, so ist der Raum, so ist die An­nä­he­rung an The­men. Wer mit Win­kel­maß und Mil­li­me­ter­pa­pier in ei­nen der Aben­de hin­ein­geht, wird bald schei­tern. Eben­so, wer durch ei­ne treff­ge­naue Gut-Bö­se-Scha­blo­ne auf das Ge­sche­hen blickt. Denn Lauwers eig­net die Kunst, ei­nen as­so­zia­ti­ons­über­kup­pel­ten Raum zu schaf­fen, auf den man sich ein­las­sen muss und in dem man lau­fend Neu­es fin­det. Das kann manch­mal nur ein Ein­druck sein oder ei­ne In­tui­ti­on; manch­mal fällt es schwer, ge­nau zu be­schrei­ben, war­um man die­ses oder je­nes ge­mocht hat. Aber – und das ist die Haupt­sa­che –: Man ver­lässt den Thea­ter­raum be­rei­chert.

Wo­rauf man bes­ser nicht war­ten soll­te, ist ein ty­pi­sches »Der Re­gis­seur er­klärt«-Spiel. Oder, wie es Lauwers’ Re­gie­mit­ar­bei­te­rin Emily Hehl for­mu­liert: »Es wer­den kei­ne Ide­en ver­bud­delt, die das Pu­bli­kum aus­gra­ben darf, und der Preis be­steht nicht im Er­ra­ten der Ge­dan­ken­gän­ge des Lea­ding-Teams.« Son­dern: Je­de und je­der darf sich sei­ne ei­ge­nen Ge­dan­ken ma­chen.

Na­tür­lich ist Lauwers zu­tiefst po­li­tisch. Es sind ge­sell­schafts­po­li­ti­sche The­men, die ihn be­we­gen; ihn be­schäf­tigt die Welt und was sie zu­sam­men­hält. Oder wie wir sa­gen müs­sen: Was sie in­zwi­schen nicht mehr zu­sam­men­hält und was uns trennt. Aber er will kein ein­fa­ches Ak­tio­nis­mus­thea­ter pro­du­zie­ren, das ein­fachs­te Ver­kür­zun­gen an­bie­tet. Man be­kommt auf der Büh­ne kei­ne sim­ple ma­the­ma­ti­sche Glei­chung ser­viert, die be­reits ge­brauchs­fer­tig da­her­kommt: Schau, hier ein Po­li­ti­ker, dort die ihm ent­spre­chen­de Thea­ter­fi­gur. Das wä­re ihm … ja, ge­nau: zu ein­deu­tig. Nein, es geht um all­ge­mei­ne Phä­no­me­ne, um den Kern des Men­schen, der Ge­sell­schaft, und all das lässt sich be­kannt­lich sel­ten auf ei­nen kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner re­du­zie­ren. Und wä­re dann auch zu schnell ver­braucht. »Ge­heim­nis muss Ge­heim­nis blei­ben«, schrieb Do­de­rer ein­mal. Der Satz könn­te von Lauwers sein.

Wem das nun zu theo­re­tisch er­scheint, darf be­ru­higt sein: Das al­les schwingt zwar mit, wird aber mit ei­nem Sinn für enor­me sze­ni­sche Wir­kung un­ter­füt­tert. Das kann ein üp­pi­ges, schil­lern­des Thea­ter­er­eig­nis sein wie bei Li­ge­tis aber­wit­zi­ger Oper Le Grand Macabre, bei der Lauwers in der Kunst der Über­zeich­nung und Opulenz bril­lier­te. Das kann aber auch durch ein Mi­ni­mum an Ak­ti­on er­zeugt wer­den. Wer es ge­se­hen hat, der kann be­zeu­gen: In L’incoronazione di Poppea bann­te Lauwers Zeit und Raum, in­dem er Kate Lindsey als Nerone die Büh­ne raub­tier­haft und fast in Zeit­lu­pe durch­mes­sen ließ, mu­si­ka­lisch ge­führt vom Schla­ger Pur ti miro. Im Hin­ter­grund: le­ben­de Bil­der, brue­gel­haft, in de­nen sich das Au­ge ver­liert. Sei­ne vier­te Staats­opern-Pro­duk­ti­on – Lauwers schuf im NEST zu­sätz­lich auch Lee Miller in Hitler’s Bathtub (Mu­sik: Maarten Seghers) – ist Mo­zarts La clemenza di Tito. Ei­ne Opera seria, die er und sein Team in – na­tür­lich! – mehr­deu­ti­ge Bil­der klei­den. Film­schnip­sel, De­tail­ar­beit und ful­mi­nan­te Kos­tü­me, ei­ne pro­ji­zier­te Bil­der­welt, die ei­ne gro­ße, are­na­haf­te Büh­ne um­rahmt, so­wie die Zen­trie­rung auf die in­ne­re Kraft der Dar­stel­ler: Mit Clemenza er­war­tet uns kein rö­mi­scher His­to­ri­en­schin­ken, son­dern ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Mensch und Macht. Mit dem Heu­te und mit Mozart. Mit der Ge­sell­schaft – und vor al­lem mit uns selbst.

Sehr geehrte Besucherin,
sehr geehrter Besucher,

um Ihren Besuch auf unserer Website noch attraktiver zu gestalten, laden wir Sie ein, an deren Neugestaltung mitzuwirken. Wir bitten Sie dazu, eine kurze Umfrage auszufüllen. Diese ist selbstverständlich komplett anonym und Ihre Antworten werden ausschließlich zur Optimierung der Website verwendet.