Funkelnde Juwelen
Ballett |
Ein Eckpfeiler jeder großen klassischen Ballettcompagnie: die ikonischen Stücke des Meisters der Neoklassik George Balanchine (1904–1983), die als »perfect introduction to ballet« gelten. Am 30. Jänner feiern seine brillanten Jewels die Wiederaufnahme mit dem Wiener Staatsballett.
Von Balanchines rund 450 Ballette umfassenden Œuvres zählt man an der Wiener Staatsoper bis dato immerhin 19 Erstaufführungen – weitere Auftritte von Gastsolist*innen wie den Pas de deux aus Sylvia (1991) und Sonatine (1999) nicht miteinbezogen. Mit dem Pas de trois aus Paquita wurde 1958 erstmals ein Stück des Meisterchoreografen im Haus am Ring gezeigt. Die kompletten Jewels fanden hingegen erst 2019 Eingang ins Wiener Repertoire, der Mittelteil daraus – Rubies – wurde schon 2010 gezeigt. In diesem Werk vereint sich jedoch nahezu die gesamte Bandbreite von Balanchines Schaffen und zeichnet quasi die Phasen seines Lebens nach, ebenso wie seinen unverwechselbaren und vielseitigen Stil.
Von St. Petersburg nach New York
Sein Lebensweg führte George Balanchine von St. Petersburg über verschiedene Stationen im Westen Europas – darunter die avantgardistischen Ballets Russes in Paris – bis nach New York, wo er 1934 gemeinsam mit dem Impresario Lincoln Kirstein die School of American Ballet gründete. Im Rahmen einer Unterrichtsstunde, in der er den Student*innen die Bühnentechnik vermitteln wollte, entstand schließlich sein erstes Ballett in den USA: Serenade zu Tschaikowskis gleichnamiger Komposition in C-Dur. Mit seiner eigenen Ausbildungsstätte schuf Balanchine zugleich die Grundlage für seine legendäre Compagnie, die sich ab 1948 New York City Ballet nannte und bald zu den führenden Ensembles der Welt zählte, für das er zahlreiche Werke choreografierte. Es entstanden jedoch auch Arbeiten für Hollywood und den Broadway. Heute gehören viele seiner Ballette zum Repertoire der großen Compagnien weltweit.
Balanchines einzigartiger Stil
George Balanchine bediente sich in seinen Choreografien des Vokabulars des klassischen Tanzes, mit dem er bei seinem Ballettstudium an der Kaiserlichen Theaterschule in St. Petersburg aufgewachsen ist. Dass sein Stil als Neoklassizismus bezeichnet wird und bis heute modern wirkt, ist – nach seinen eigenen Aussagen – weniger bewusst entstanden, sondern der jeweiligen Musik geschuldet. Als hochmusikalischer Choreograf war es Balanchine stets ein Anliegen, den Tanz als ein Musizieren mit dem Körper in den Mittelpunkt zu stellen. So finden sich in seinen Werken für das klassische Ballett ungewöhnliche Bewegungen wie aus der Hüfte geworfene Beine, Fußstellungen in der sechsten Position oder einwärts gedrehte Passés. Viele seiner Stücke muten puristisch an, bestechen durch eine klare Formensprache und werden in schlichten Balletttrikots vor blauem Hintergrund getanzt. Stets versprühen sie eine große Schönheit und Ästhetik – dies betraf auch die berühmten Balanchine-Ballerinas, seine Musen, die oft im Zentrum seiner Werke standen, wie generell meist eine Überzahl an Damen im Ensemble. Legendär ist Balanchines Ausspruch »Ballet is woman«.
Ein Juwel in drei Teilen
Jewels gilt als das erste handlungslose abendfüllende Ballett, das 1967 mit dem New York City Ballet zur Uraufführung gelangte. Dies hatte einen Vorläufer in der Erstproduktion von Balanchines Symphony in C an der Pariser Oper im Jahr 1947. Dort war jeder Satz des Balletts – damals Le Palais de Cristal genannt, das unter diesem Titel 1972 auch an der Wiener Staatsoper Premiere feierte – in einer anderen Juwelenfarbe kostümiert. Der Erzählung nach soll Balanchine für Jewels durch einen Blick in die Schmuckauslage bzw. einen Besuch des berühmten Juwelierhauses Van Cleef & Arpels auf der New Yorker Fifth Avenue dazu inspiriert worden sein, erneut Edelsteine zum Thema einer Choreografie zu machen. Vielmehr ging es ihm jedoch darum, mit der Farbgebung für die prächtigen Kostüme von Barbara Karinska in Smaragdgrün, Rubinrot und Weiß einen Rahmen zu schaffen, um drei nahezu eigenständige, lose Teile – Emeralds, Rubies und Diamonds – miteinander zu verbinden. Im Mittelpunkt seines Balletts sollten jedoch, wie stets, die Tänzer*innen stehen – die wahren Juwelen.
Die drei unterschiedlichen Teile von Jewels unterscheiden sich nicht nur farblich und optisch deutlich voneinander – so haben etwa die Tutus verschiedene Längen, von überknielang in Emeralds bis zu knappen Röckchen in Rubies –, sondern auch musikalisch. Mit Gabriel Fauré, Igor Strawinski und Piotr I. Tschaikowski hat sich Balanchine jenen musikalischen Räumen zugewandt, die den wichtigsten Etappen seiner Karriere – in Russland, Frankreich und Amerika – entsprechen. Zugleich spiegelt er damit drei stilistische Ausprägungen des Balletts: die romantische, die klassische und die zeitgenössische.
So mutet Emeralds lyrisch und verträumt an und bildet nicht nur am Ende kunstvolle Gruppenformationen. Rubies vermittelt zu jazzigen Klängen das lebendige New Yorker Flair: Die Tänzer*innen fegen temporeich, mitunter sogar sportiv laufend, über die Bühne, Beine werden energiegeladen in die Höhe gekickt, Hüften kokett geworfen oder virtuose Drehungen ausgeführt. Die virtuosen Diamonds schließlich sind eine Hommage an die großen Ballettklassiker eines Petipa im zaristischen Russland, die pure Klassik vermitteln und in einem Pas de deux voller Eleganz und Anmut gipfeln.
Auch wenn Jewels als abstraktes Ballett gilt und es keine Handlung im eigentlichen Sinne gibt, werden dennoch vielfältige Stimmungen und Gefühle vermittelt und ein großer Glanz versprüht. Für die Einstudierung von Jewels mit dem Wiener Staatsballett zeichnen Nanette Glushak, die bereits 2010 Rubies betreute, und Diana White verantwortlich – beide ehemalige Balanchine-Ballerinas, die im Sinne des George Balanchine Trust die Werke des Choreografen getreu und stilgemäß an die neue Generation weitergeben.
Bei der Wiederaufnahme am 30. Jänner 2026 sind in allen solistischen Rollen Debüts zu erleben, weitere folgen im Februar. Die musikalische Leitung liegt wie zuletzt 2020 in den bewährten Händen von Paul Connelly. Anna Malikova gibt mit dem Klavierpart von Igor Strawinskis Capriccio in Rubies ihr Hausdebüt an der Wiener Staatsoper.