Für die Operette braucht man alles
Interview |
Da kommt er, der geschmeidige, aber dann doch auch bisschen boshafte Dreiertakt, und der Refrain, den man nicht mehr aus dem Ohr bekommt: »Der Tod, das muss ein Wiener sein…« Geschrieben vom unsterblichen Georg Kreisler, gesungen von Jonas Kaufmann. Alles erlebt man da: Das lässige Gleiten, das Augenzwinkernde und Doppelbödige, und dann wieder die gesamte Bandbreite einer grandios ausgespielten Musikalität. Auch in dieser kleinen Form, auch im Witz brilliert er und fühlt dem Wienerischen gekonnt auf den Zahn. Nicht nur, wer das gehört hat, freut sich auf Kaufmanns ersten Staatsopern-Eisenstein zu Silvester. Nach all den Prinzen, Liebhabern, Revolutionären und Suchenden gibt er nun den Lebemann, der statt in den Arrest lieber auf ein rauschendes Fest geht. Oliver Láng sprach mit dem Publikumsliebling über seinen gekonnt wienerischen Zungenschlag, die Freiheit in der Operette und warum man den Eisenstein trotz allem mag.
Eine Kollegin aus München meint immer wieder gerne: Ihr Wiener braucht’s euch nix einzubilden, so anders sind die Bayern auch nicht. Sie wurden in München geboren und kennen Wien gut. Ist Wien anders?
Als Wahl-Salzburger würde ich sagen: Die Salzburger und Bayern liegen schon sehr nah beieinander. In Wien habe ich etliche Jahre gelebt und kann daher aus eigener Erfahrung berichten: Wien ist schon ein bisschen anders. Es wäre für mich also durchaus zu kurz gegriffen, wenn man sagte, dass es keine Mentalitätsunterschiede gibt. Aber natürlich, die einen empfinden es so und die anderen anders. Was auf alle Fälle aber stimmt, ist: München liegt deutlich näher zu Wien als Hamburg.
Zum Thema Staaten und Metropolen wandte ein kluger Journalist unlängst ein, dass die heutigen Teenager nicht mehr Länder miteinander vergleichen, sondern eher Städte.
Damit hat er meiner Meinung nach vollkommen recht. Dieses Staatendenken ist letztlich in vielem passé. Neulich war ich bei der Eröffnung der neuen deutschen Botschaft in Wien, und der österreichische Bundespräsident meinte, dass wir die Diskussion schon einmal anfangen könnten: Brauchen wir eigentlich noch Länderpässe, oder wäre nicht einfach ein europäischer Pass besser? Man definiert sich heute eindeutig stärker über Hobbys oder Interessen als über seine Herkunft oder gar über eine Sprachfärbung. Natürlich gibt es Länder, die das noch zelebrieren. Die Schweiz etwa hält nach wie vor am Schwizerdütsch fest und achtet darauf, dass es im Radio und Fernsehen gesprochen wird; ja, sogar Filme werden entsprechend synchronisiert. Aber die Grundtendenz ist dem entgegengesetzt.
Eines Ihrer erfolgreichen CD- und DVD-Projekte war Wien, der Operette und dem Wienerlied gewidmet. Neben Strauß, Kálmán und Lehár kann man auch Leopoldi und Kreisler hören. Man hört auch, dass Sie ein sehr schönes Wienerisch singen. Das haben Sie bereits als Kind gelernt, vor dem Fernseher Ihrer Großeltern, mit dem ORF-Kinderprogramm zwischen Kasperl und Am dam des, oder?
Ja, absolut richtig. Ich durfte bei den Großeltern in Tirol, die ein altes Schwarzweißgerät mit kaputter Bildröhre hatten, fernschauen. Das sind herrliche Erinnerungen! Man musste eine halbe Stunde vorher einschalten und warten, bis das Gerät warm wurde und langsam anging. Und da habe ich viele Sendungen gesehen, nicht nur das Kinderprogramm, sondern auch Sendungen wie Heinz Conrads. Im Rückblick auf diese Sendungen finde ich es sehr erstaunlich, wie stark damals klassische Musik und Gesang im Mittelpunkt der österreichischen Gesellschaft standen.
Dass Sie das Wienerische gut gelernt haben, hat aber auch mit Musikalität zu tun: Sie haben als Sänger einfach ein besonderes Ohr für Farben und Zwischentöne.
Vom wunderbaren Helmut Deutsch und seiner Familie habe ich nach den Konzerten im Theater im Park, in denen ich ein wienerisches Programm sang, besonderes Lob erhalten. Bis hin zu meinem »Meidlinger L«. Das Präsentieren solcher Lokalfärbungen hat mir immer schon großen Spaß gemacht. Bereits als Kind unterhielt ich Gäste meiner Eltern regelmäßig mit den unterschiedlichsten Dialekten, norddeutsch oder sächsisch, hessisch oder schwäbisch. Oder auch mit Fremdsprachen. Auch machte es mir Spaß, in der Schule an einem Tag Englisch mit amerikanischem Einschlag zu sprechen und am nächsten das Schottische auszuprobieren.
Kommt man über die jeweilige Musik einem Lebensgefühl oder einer Identität auf die Spur? Oder ist es umgekehrt, und man kann spezifisch Lokales nur dann singen, wenn man eine Mentalität versteht?
Über die Musik kann man Wien ohne Zweifel lieben lernen. Viele Menschen, auch von anderen Kontinenten, haben sich dieser Stadt über ihre Musik genähert, einfach, weil Strauß & Co so wunderbar sind. Wer ist davon nicht verzaubert? Beim Verstehen ist es eher andersherum. Wenn man die Leute hier kennt, wie sie manchmal raunzen und herzlich sind, wenn man viele Dinge erlebt hat, dann ist es zweifellos leichter, Anspielungen und Doppeldeutigkeiten zu begreifen.
Ihre persönliche Operetten-Annäherung fand über Ihre Großmutter, die das Genre liebte, statt. Eine sehr schöne Geschichte ist auch, dass Sie sich langweilige Hausarbeiten mit Die Fledermaus, dirigiert von Carlos Kleiber, versüßt haben.
Das ist einfach meine Gute-Laune-Musik, die mir einen Kick gibt und ein Lächeln in mein Gesicht zaubert. Auch wenn es um weniger Erfreuliches wie Hausarbeit geht. Schließlich ist es ja eine der Stärken von Musik, dass man mit ihr und durch sie Gefühle aktiv beeinflussen kann. Die Fledermaus, aber auch Im weißen Rössl: Ich kann da so herzlich lachen! Es sind einfach so großartige Werke!
Bei aller guten Laune hat schon Karajan darauf hingewiesen, dass gerade die Operette kein einfaches Genre ist. Die scheinbare Leichtigkeit ist schwierig umzusetzen, und es braucht sehr viel Handwerkskunst.
Ja, das ist diese berühmte Geschichte, dass die leichte Muse doch so schwer ist. Ich mache derzeit ein Puccini-Programm in Kopenhagen und werde von einem großartigen Klangkörper begleitet, einem Symphonieorchester. Die Musiker aber sind geradezu konsterniert, dass es praktisch in jedem Takt eine Tempoänderung gibt. Es ist ein Vor und Zurück, ein Hin und Her, ein Reagieren und Abbremsen, ein Rauf und Runter. Wobei Puccini ja nur ein Vorgeschmack auf die Operette ist. Man braucht halt alles: die Spritzigkeit, die Leichtigkeit, die Flexibilität, das Dialogsprechen, das Spielen und dann eine Stimme, die alles leisten kann. Man muss zarte Piani hauchen, aber auch Gas geben können, wenn etwa bei einem Lehár das große Orchester aufdreht.
Und über allem eine gefühlte Freiheit. Ist diese grenzenlos? Entzieht sich die Wienerische Musik allzu starren Regeln? Schließlich erzeugt ein Walzer, der mathematisch genau 1–2–3 zählt, pure Langweile. Wie handhabt man die Freiheit?
Das ist einfach eine gehobene Schule der Musikalität. Vielleicht kann man es so sagen: Die absolute Freiheit ist nur ein Schein. Wenn man einem Sänger eine carte blanche gibt, frei nach dem Motto: Mach einfach dein Ding, dann artet das schnell in einen Spitzenton- und Endlos-aushalt-Wettbewerb aus. Das hat musikalisch rein gar keinen Sinn mehr. Aber wenn man agogisch sinnvoll phrasiert, sich in einem vernünftigen und musikalisch richtigen, weil sinnvollen Rahmen bewegt und alle Beteiligten einen ähnlichen Instinkt und ähnliche Vorstellungen haben, dann funktioniert das Zusammenspiel auch mit gewissen Freiheiten perfekt. Aber dazu muss man einander kennen, und man muss darauf vertrauen können, dass alle an einem Strang ziehen.
Eisenstein mag zwar schlechte Eigenschaften haben, aber er bleibt doch ein Sympathieträger. In seiner Not, trotz seiner Charakteruntiefen, in seinem Schlawiner-Sein: die wenigsten sind ihm ernstlich böse. Geht es Ihnen auch so?
Ich glaube, den Eisenstein kann man am besten interpretieren, wenn man schon ein bisschen angegraute Schläfen hat. Denn dann wird die Tragweite seines Über-die-Stränge-Schlagens deutlicher als bei einem grünen Burschen. In der damaligen Gesellschaft war es leider geradezu selbstverständlich, dass der Hausherr mit dem Stubenmädel eine Affäre hatte. Es war gesellschaftlich anerkannt, ebenso wie die Geschichten mit den Balletttänzerinnen. Die Ehefrau hatte sich dabei in ihre Rolle einzufügen. Dass Rosalinde mit dem Alfred vielleicht nicht nur Gesangsstunden gemacht hat, das war aus der damaligen Sicht sicherlich der größere Skandal. Aber: Am Ende des Tages muss man den Eisenstein, mit allen Abstrichen, als Sympathieträger aussteigen lassen. Dafür ist natürlich auch die Musik verantwortlich, die Figuren sympathisch oder unsympathisch macht.
»Ich glaube, den Eisenstein kann man besten interpretieren, wenn man schon ein bisschen angegraute Schläfen hat.«
Seit der Direktion Gustav Mahlers findet Die Fledermaus an der Staatsoper zu Silvester statt. Warum rutscht es sich mit dieser Operette so gut? Weil der Champagner am Ende triumphiert? Weil die »Schwamm-druber«-Mentalität gefällt?
Unter der Federführung von Mahler erreichte die Wiener Oper ihren absoluten Höhepunkt. Vielleicht hat auch diese Fledermaus-Entscheidung ein bisschen dazu beigetragen. Warum? Das kann keiner ganz genau beantworten. Es ist die Summe: Man erlebt auf der Bühne ein rauschendes Fest. Es ist kein trauriges Sujet. Die Rhythmen lassen dem Publikum die Füße jucken. Die Melodien reißen mit. Der Komponist hat es, unter den vielen, vielen großartigen Walzer-Komponisten, am tollsten getrieben. Und am Schluss triumphiert der Champagner. Es passt einfach alles perfekt für einen Silvesterabend. Und man findet einen guten Übergang zum Neujahrskonzert am nächsten Vormittag.
Der sonst so bissig-kritische Karl Kraus wird immer wieder mit dem schönen Satz zitiert, dass in Wien die Straßen mit Kultur statt mit Asphalt gepflastert sind. Aus der Sicht des international reisenden Künstlers: Ist das so?
Ich weiß, es gibt auch in Wien Kürzungen und Einsparungen, und einige vielgeliebte Projekte können nicht mehr stattfinden. So bin ich als leidenschaftlicher Lied-Sänger sehr traurig, dass manche Abonnementzyklen, die es früher gab, eingeschränkt wurden. Trotzdem: Es ist immer noch unfassbar viel los, Wien ist gegenüber anderen Städten ein leuchtendes Vorbild. In Wien ist die Kulturdichte einfach größer als anderswo, reichhaltiger und alltäglicher. Fast ein Wunder!