Fünf Minuten mit Balanchine
Interview |
Seit 1991 ist der gebürtige Amerikaner Paul Connelly der Wiener Staatsoper regelmäßig als Gastdirigent verbunden. Am Beginn stand eine international besetzte Ballett-Gala – arrangiert von der damaligen Ballettdirektorin Elena Tschernischova –, in der unter anderem die aktuelle Direktorin des Wiener Staatsballetts Alessandra Ferri ebenfalls erstmals als Gast im Haus am Ring auftrat. Seither dirigierte er hier zahlreiche abendfüllende Ballette, darunter beachtliche 30 Aufführungen von Rudolf Nurejews Der Nussknacker und 29 von dessen Schwanensee sowie in der aktuellen Spielzeit die Premiere von Alexei Ratmanskys Kallirhoe und die kürzlich erfolgte Wiederaufnahme von George Balanchines Jewels. Grund genug, mit dem weitgereisten und erfahrenen Künstler über seine spannende Arbeit zu sprechen.
Sie wurden als Pianist ausgebildet und haben im Alter von 24 Jahren Ihr Debüt als Dirigent von Gershwins Porgy and Bess an der Houston Grand Oper gegeben. Es folgten zahlreiche Dirigate von Opernproduktionen und Konzerten, vor allem aber Ballette. Sie waren Chefdirigent des American Ballet Theatre (ABT) sowie Gast beim New York City Ballet (NYCB) und beim National Ballet of Canada. Ihr weiterer Weg führte Sie zu renommierten Ballettcompagnien in ganz Europa – von Berlin und Paris über Amsterdam und London bis nach Mailand. Wie kamen Sie nach Wien?
Die Verbindung entstand über das ABT, wo Elena Tschernischova in den 1980er-Jahren unter Mikhail Baryshnikov Erste Ballettmeisterin war. Als sie 1991 als Direktorin des Wiener Staatsopernballetts eine Ballett-Gala mit vielen Gastsolist*innen, unter anderem vom ABT, organisierte, bat sie mich, diese zu dirigieren. Natürlich sagte ich ja! Zudem hatte ich den Mut, Eberhard Waechter, den damaligen Operndirektor, anzusprechen, um ihm mein Interesse zu bekunden, auch gerne eine Oper zu dirigieren. Er entgegnete, dass in ein paar Wochen Il barbiere di Siviglia gespielt wird, und bot mir tatsächlich die musikalische Leitung einer Vorstellung an. Damit begann meine langjährige Zusammenarbeit mit dieser großartigen Institution.
Was sind die speziellen Anforderungen, ein Ballett zu dirigieren?
Wenn ich ein Ballett dirigiere, ist es natürlich meine Verantwortung, die Tänzer*innen so gut wie möglich aussehen zu lassen. Gleichzeitig muss ich alles daransetzen, die Integrität der Musik zu bewahren. Orchestrierungen werden vom Komponisten in der Regel mit einem bestimmten zeitlichen Rahmen im Kopf entworfen. Es ist wie bei einer Brücke: Legt man zu viel Gewicht darauf, stürzt sie ein. Fährt man zu schnell darüber, kann man von ihr abkommen. Es geht also immer um Balance. Für mich sind wir absolut ein Team – die Tänzer*innen, das Orchester und ich. Und ich freue mich immer sehr, meine Erfahrung in diese gemeinsame Realisierung einbringen zu können.
Sie haben zahlreiche Ballette von George Balanchine vor allem für das ABT und das NYCB musikalisch geleitet, dessen Chefchoreograf er war. Haben Sie ihn je persönlich getroffen?
Ja, das habe ich tatsächlich! Ende der 1970er-Jahre zeigte das ABT Balanchines Apollo, allerdings ohne den Prolog (die Geburt Apollos). Die Musik setzte später ein und verzichtete damit auf eine fantastische Einleitung (die inzwischen wieder gespielt wird). Ich sagte zu Baryshnikov, damals Künstlerischer Leiter dieser Compagnie, es wäre großartig, diese Musik vor dem Öffnen des Vorhangs zu spielen. Er antwortete: »Nun, Balanchine kommt heute in unsere Studios – warum fragen Sie ihn nicht?« Und genau das tat ich. Wir hatten ein Treffen, ich trug mein Anliegen vor, und obwohl er meinen Vorschlag ablehnte, war mir das egal – ich hatte meine fünf Minuten mit Balanchine!
Balanchines Werke sind zweifellos hochmusikalisch.
Da stimme ich vollkommen zu. Seine Werke besitzen eine große Integrität, stehen in Kontrast zu den Komponisten, zu deren Musik er choreografierte, aber gleichzeitig in einer brillanten Beziehung zu ihnen und zeugen von großem Respekt für deren Intentionen – diese also nicht zugunsten der Schritte zu verfälschen.
»Wenn ich ein Ballett dirigiere, ist es natürlich meine Verantwortung, die Tänzer*innen so gut wie möglich aussehen zu lassen. Gleichzeitig muss ich alles daransetzen, die Integrität der Musik zu bewahren.«
Wie verhält es sich bei Jewels? Die drei Musikstücke darin unterscheiden sich doch deutlich voneinander: Faurés lyrisch-romantische, Strawinskis neoklassizistisch-jazzige und Tschaikowskis klassisch-elegante Komposition. Ist es eine Herausforderung, drei so kontrastierende Werke an einem Abend zu dirigieren?
Da ich Jewels bereits viele Male dirigiert habe, unter anderem bei der Premiere 2019 mit dem Wiener Staatsballett, kann ich sagen, dass die Musik im Grunde für sich selbst spricht. Es ist für alle eine große Freude, an einem einzigen Abend die unterschiedlichen Stile dieser drei Komponisten und Balanchines Umgang mit ihnen zu erleben. Sie sind so verschieden! Der Dirigent – ebenso wie das Orchester – muss seine Denkweise umstellen, um sich anzupassen, aber es ist eine erfüllende Herausforderung. Und hier mit der großartigen Unterstützung des Orchesters der Wiener Staatsoper!
In Rubies gibt es einen anspruchsvollen Klavierpart, der nun an der Wiener Staatsoper erstmals von Anna Malikova gespielt wird. Haben Sie bereits zusammengearbeitet?
Nein, dies ist das erste Mal, dass wir kollaborieren. Ich habe sie zufällig durch eine ausgezeichnete Aufnahme entdeckt, die vor ein paar Sommern im Radio lief. Als ich weiter recherchierte, sah ich, dass sie zuvor mit einem befreundeten Dirigenten von mir gearbeitet hatte, der nur Gutes über sie zu berichten wusste. Also schlug ich vor, dass sie Strawinskis Capriccio in Rubies in Wien spielt – und durch einen schönen Zufall lebt sie auch ganz in der Nähe!
Welche Eigenschaften muss eine Pianist*in für dieses Stück mitbringen, und welche Anforderungen werden an den Dirigenten gestellt, Klavier und Orchester aufeinander abzustimmen?
Dieses besondere Werk von Strawinski verbindet amerikanisch-jazzige Verspieltheit mit einer russisch geprägten, augenzwinkernden Ernsthaftigkeit osteuropäischer Volksmusik, und der Pianist muss dies ebenso gut verstehen wie das Orchester. Was die Koordination angeht, gibt es im Orchestergraben immer logistische Herausforderungen, insbesondere bei drei sehr unterschiedlichen Werken und Orchestrierungen, wie wir sie in diesem Programm haben. Das Klavier muss eines in voller Größe sein, kann aber nicht an die »typische« Konzertposition gebracht werden, sodass es etwas weiter hinten im Orchestergraben steht – aber wir können uns trotzdem sehen, und somit funktioniert es auch gut!