Eine Sängerin mit tausend Gesichtern
Interview |
Als Kate Lindsey den Nerone in L’incoronazione di Poppea gab: wie raubte es uns den Atem! Wie fasziniert waren wir, als sie die Titelfigur in der Uraufführung von Orlando sang. Welches Geheimnis trug sie in sich, als sie Debussys Mélisande war. Und was für eine lebensnahe Figur stand auf der Bühne, als sie Mozarts Despina gestaltete. Hinter den elf Buchstaben ihres Namens verbirgt sich eine schier endlose Zahl an Bühnenpersönlichkeiten, wandelbar, stets neu, überraschend, ergreifend. Und immer, wenn sie eine neue Rolle gibt, fragt man sich im Vorfeld gespannt: Wie wird sie es diesmal anlegen? Diese Frage stellt sich nun wieder. Denn die Mezzosopranistin singt erstmals im Haus am Ring den Idamante in Mozarts Idomeneo. Also jenen Königssohn, der von seinem Vater um ein Haar für das Staatswohl geopfert wird.
Ihr Schaffen zeichnet sich besonders auch durch eine enorme Repertoirebreite aus: Frühbarockes, 21. Jahrhundert, Mozart, Gounod, Debussy, Strauss und viel anderes. Was sind die Vorteile einer solchen großen Auswahl? Wäre es nicht einfacher, sich auf nur ein überschaubares Gebiet zu konzentrieren?
Kate Lindsey: Es wäre sicherlich einfacher, sich auf einen schmalen Bereich oder nur eine Epoche zu spezialisieren. Aber um das Einfache geht es mir nicht. Für meine Stimme, meine Entwicklung, meinen Körper ist es ungemein wichtig, sich mit den unterschiedlichsten Stilen auseinanderzusetzen und immer neue Herausforderungen anzunehmen. Nicht nur, weil es meinen Horizont erweitert, sondern vor allem, weil sich die verschiedenen Werke gegenseitig beeinflussen. Jede Rolle, die ich singe, hilft mir, alle anderen Partien auf eine neue Weise zu sehen und zu verstehen. Wenn ich nun nach anderen Projekten zu Mozart zurückkehre, merke ich, dass sich etwas verändert hat, ich neue Erkenntnisse gewonnen habe und sich ein anderes Bewusstsein eingestellt hat. Idamante habe ich zuletzt vor drei Jahren gesungen – und als ich die Rolle nun wieder studierte, fühlte sich die Partie auf eine ganz wunderbare Weise anders und neu an.
Der Oper liegt ein griechischer Mythos aus dem Dunstkreis rund um den Trojanischen Krieg zugrunde. Bis heute beschäftigen uns diese sehr alten Sagen und Geschichten, immer wieder werden sie neu hervorgeholt und durchleuchtet, analysiert, bearbeitet, in neue Formen gegossen. Worin liegt die Bannkraft dieser fast dreieinhalbtausend Jahre alten Erzählungen?
Zunächst muss ich zugeben, dass mir diese griechischen Mythen immer wieder Schwierigkeiten bereiten, vieles kann zunächst einmal sehr verwirrend auf einen wirken. Aber: Jedes Mal, wenn ich zu einer dieser antiken Opern zurückkehre, staune ich darüber, wie zentral das Thema „menschliche Beziehungen“ ist und wie komplex und intensiv die Auseinandersetzung. Entsprechende Problemfelder wirken geradezu bis heute nach. In unserem Falle etwa: das Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Fragen der Entfremdung, der Isolation, der Missverständnisse und Geheimnisse, des Unausgesprochenen. Auch wenn das sehr weit zurückliegt: Manches wirkt in gewisser Weise hochmodern. Ich denke also, dass mich an diesen Mythen der Umgang der Menschen miteinander fasziniert. Mag sich die Welt rund um uns auch ändern – das Wesen der Beziehungsmuster bleibt über Jahrtausende bestehen.
Das Kernthema in Idomeneo behandelt den Gewissenskonflikt des Königs: Soll er seinen Sohn für das Staatswohl opfern? Wie aktuell ist diese Problemstellung hier, in Wien, in Mitteleuropa? Wir hatten in den letzten Jahrzehnten ja das Glück, uns solche Fragen nicht stellen zu müssen.
Ich denke, dass das Thema aktueller ist, als viele von uns womöglich glauben. Natürlich: Die meisten leben nicht in einer Welt, in der sich diese Frage genau so stellt. Aber dennoch sind Menschen oftmals gezwungen, schreckliche Dinge zu tun, um ihre Kinder zu schützen oder um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Man kann das also zweifellos in einem größeren Blickwinkel betrachten. Und auch wenn es nicht um Leben und Tod geht – viele von uns kennen Situationen, in denen man sich zum Beispiel zwischen Familie und Beruf entscheiden muss. Wenn man etwa – wie im Sängerinnenberuf – viel auf Reisen ist und daher für die Berufung die Zeit mit seiner Familie opfern muss. Darüber hinaus interessieren mich – wie gesagt – immer auch die Beziehungsstrukturen zwischen den Beteiligten: Es gibt Dinge, die ungesagt bleiben, die unklar sind, die Eltern ihren Kindern nicht erzählen. Was dazu führt, dass diese sich in der Welt sehr allein fühlen. Demnach: Es schwingt vieles in Idomeneo mit – wenn auch meistens nicht in der Drastik, die man in der Oper erlebt.
Kasper Holten, der Regisseur der Idomeneo-Produktion, sprach davon, dass Idamante und Ilia, also die nächste Generation, an viele Fragen vielleicht besser herangehen werden. Ist das eine utopische Wunschvorstellung, die wir immer wieder hegen, oder ist diese Hoffnung berechtigt?
Durchaus, es gibt Hoffnung! Man kann das bei Idamante sehen, wie er von Anfang an versucht, einen besseren Weg zu finden – für Ilia und ihre Leute. Das mag nicht einfach sein. Aber: Wenn man für kommende Gesellschaften eine bessere Zukunft erträumt, dann liegt diese in kleinen Schritten, die jene Generation machen kann. Das ist es, was wir hoffen dürfen. Idamante und Ilia gehören zu jenen, die versuchen, einen Schritt nach vorne zu machen.
Die großen griechischen Stoffe beschäftigen sich oftmals mit dem Schicksal und wie man sich zu diesem verhält. Ist das ein Gedanke, der in Ihrem Leben eine Rolle spielt? Gerade in der griechischen Tragödie sind Menschen oftmals in ihren Entscheidungen eingeschränkt, müssen einen Weg gehen, sind dem Schicksal oder höheren Mächten unterworfen.
Das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich persönlich glaube nicht, dass wir einem Schicksal bedingungslos unterworfen sind. Wir haben die Kontrolle über unsere Entscheidungen, über unsere Reaktionen, unser Leben – und darüber, was wir mit diesem machen. Da fühle ich mich von einem tieferen Vertrauen in das Universum getragen. Und ich empfinde nichts Passives, sondern das Gegenteil: Wir sind aufgefordert, achtsame Entscheidungen zu treffen und in unseren Handlungen Rücksicht auf die Menschen um uns herum zu nehmen.
Sie singen Idamante, einen Mann, eine Hosenrolle. Dass sich das auf Ihr Schauspiel auswirkt, ist klar. Aber spielt es auch im Gesang eine Rolle? Muss ein Komponist in Ariadne auf Naxos, ein Cherubino, ein Nerone in L’incoronazione di Poppea gesanglich anders gesetzt werden?
Die Unterschiede liegen nicht zwischen „männlich“ und „weiblich“, sondern zwischen den Komponisten und Stilen. Nerone und Idamante unterscheiden sich gesanglich, aber nur aufgrund der Art und Weise, wie die Musik geschrieben ist. Hosenrolle bedeutet also nicht, dass ich anders zu singen habe, sondern es geht tatsächlich um die Körperlichkeit auf der Bühne. Ganz wichtig ist dabei das Kostüm, das mir enorm hilft, mich in eine Figur hineinzufühlen. Das tatsächlich Meiste kommt von den Schuhen, ganz viel hängt an der Frage, wie ich mich in den Schuhen fühle. Das ist wirklich wichtig! (lacht)
»Die Unterschiede liegen nicht zwischen ›männlich‹ und ›weiblich‹, sondern zwischen den Komponisten und Stilen. Nerone und Idamante unterscheiden sich gesanglich, aber nur aufgrund der Art und Weise, wie die Musik geschrieben ist.«
Mozart war 25 Jahre alt, als er Idomeneo schrieb. Spüren Sie im Vergleich zu seinen anderen Meisterwerken wie Don Giovanni in seiner Musik eine Jugendlichkeit? Etwas, das „anders“ ist als in späteren Werken?
Die Oper fühlt sich selbstbewusst an und auch ein wenig experimentell, manchmal harmonisch originell. Sie trägt die Schönheit jugendlicher Hoffnung auf die Zukunft in sich, fast einer Vorfreude. Ich frage mich manchmal, ob Mozart sich als junger Mann mit Idamante identifiziert hat? So, wie man ihn in Le nozze di Figaro in Cherubino spürt …
Nachdem der Dichter Rainer Maria Rilke seinen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge vollendet hatte, musste er ungewöhnlich lange pausieren – er konnte nicht einmal Briefe schreiben, so leer und künstlerisch erschöpft fühlte er sich. Ist das etwas, das Sie wiedererkennen? Eine Leere nach einer künstlerischen Arbeit?
Ja, ich habe manchmal solche Momente. Natürlich besonders, wenn ich monatelang geprobt habe und aufgetreten bin. Mitunter schaue ich in den Kalender und muss mich selbst zurechtweisen: Es braucht eine Auszeit! Interessanterweise geht es dabei aber nicht darum, nicht zu singen – das Gefühl, dass ich eine Gesangspause brauche, habe ich nie. Es ist eher so, dass ich einfach nach Hause kommen möchte und nur für mich selbst singen will. Es ist eine solche Freude und tut der Kreativität so gut: daheim sein, einfach singen. Und selbstverständlich brauche ich Zeiten, um einfach innezuhalten und zu reflektieren. Man muss das zulassen … Und: Ich liebe es, zu lesen. Wenn ich daheim ankomme, ist für mich eines der ersten Dinge, dass ich in die Bibliothek gehe und mir Bücher ausleihe. Denn die meiste Zeit des Jahres lese ich auf meinem Kindle, umso größer ist das Vergnügen, mir ein echtes Buch auszusuchen und das Papier zu fühlen.
Und, welches Buch lesen Sie gerade?
Die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante – die ersten drei Bände habe ich in den letzten Wochen gelesen, jetzt freue ich mich auf den vierten Teil. Ich habe so ein Projekt laufen – die New York Times hat eine Liste der 100 besten Bücher des 21. Jahrhunderts veröffentlicht, und ich habe begonnen, mich da ein bisschen durchzulesen. Schauen wir einmal, wie weit ich komme!