»Ein Hühnchen, das wunderbar aussieht, aber auch gegessen werden kann.«

Interview |

Sergio Morabito im Gespräch mit »Luisa-Miller«-Regisseur Philipp Grigorian

Lie­ber Phil, magst du uns kurz dei­ne Ge­schich­te er­zäh­len? Dei­ne Thea­ter­ar­beit ist ge­prägt durch die un­ter­schied­lichs­ten Kennt­nis­se und künst­le­risch-hand­werk­li­chen Fer­tig­kei­ten: Du bist Schau­spie­ler, bil­den­der Künst­ler, Büh­nen­bild­ner und Re­gis­seur.

Für mich war die Ab­lö­sung vom El­tern­haus ei­ne sehr wich­ti­ge Zeit.

Du stammst aus ei­ner be­kann­ten rus­si­schen Thea­ter­fa­mi­lie, dein Va­ter war Re­gis­seur, dei­ne Mut­ter ei­ne be­rühm­te Schau­spie­le­rin.

Mein Va­ter war ein 1937 ge­bo­re­ner so­wje­ti­scher Re­gis­seur. Als Künst­ler hat er das Kol­la­bie­ren der So­wjet­uni­on in den Neu­ni­gern nicht über­lebt. In sei­ner gro­ßen Zeit mach­te er Avant­gar­de-Thea­ter in Si­bi­ri­en, dort bin ich in Tomsk zur Welt ge­kom­men. In der so­wje­ti­schen Kul­tur­sze­ne öff­ne­ten sich im­mer wie­der Ni­schen. In je­ner Zeit war ein Re­gis­seur und Thea­ter­lei­ter ei­ne un­hin­ter­frag­ba­re Au­to­ri­tät, ei­ne lo­ka­le Gott­heit ge­wis­ser­ma­ßen. Das Thea­ter, das mein Va­ter lei­te­te, er­hielt staat­li­che Un­ter­stüt­zung, wo­bei die zu­stän­di­gen Gre­mi­en nicht ahn­ten, was sie da zum Teil un­ter­stütz­ten. Zum Ver­häng­nis wur­de es mei­nem Va­ter, als das Fern­se­hen an­rück­te, um ei­ne sei­ner er­folg­rei­chen In­sze­nie­run­gen auf­zu­zeich­nen; das lenk­te die Auf­merk­sam­keit der Zen­sur­be­hör­den auf ihn. In der Fol­ge ver­lor er sei­ne Po­si­ti­on.

Auch mei­ne Aus­bil­dung, die zwar schon in die Zeit der Pe­re­stroi­ka, al­so En­de der 1980er-, An­fang der 1990er-Jah­re fiel, ge­schah noch ganz in den Ko­or­di­na­ten des al­ten so­wje­ti­schen Sys­tems. Als Kind be­gann ich mit ei­ner Zei­chen­aus­bil­dung und fand als Drei­zehn- oder Vier­zehn­jäh­ri­ger zu ei­ner Art abs­trak­tem Ex­pres­sio­nis­mus.

Um nicht mit 18 Jah­ren gleich zur Ar­mee ein­ge­zo­gen zu wer­den, war es hilf­reich, ein Stu­di­um zu be­gin­nen: Als Stu­die­ren­der war die Gal­gen­frist et­was län­ger. Ich ent­schied mich für ein Schau­spiel­stu­di­um an der Schtschukin-Thea­ter­hoch­schu­le. Die­se war 1914 ge­grün­det wor­den und ist dem re­nom­mier­ten Wach­tan­gow-Thea­ter an­ge­glie­dert. Sie bot da­mals die bes­te Schau­spiel­aus­bil­dung, wäh­rend das MChT, das Mos­kau­er Künst­ler­thea­ter, und die zu ihm ge­hö­ri­ge Schau­spiel­schu­le ei­ne schwie­ri­ge Pha­se durch­lie­fen. Die Schtschukin-Thea­ter­hoch­schu­le war so et­was wie Hog­warts aus der Har­ry-Pot­ter-Sa­ga. Ei­ne Klos­ter­schu­le, aber mit ei­ner sehr krea­ti­ven, kon­struk­ti­ven At­mo­sphä­re. Die Aus­bil­dung war ein Par­cours; man wur­de von An­fang an eva­lu­iert, je­de Etü­de und je­de Un­ter­richts­ein­heit war auch ein Ex­amen.

Als ei­ner der bes­ten Stu­den­ten des Kur­ses wur­de ich in das En­sem­ble auf­ge­nom­men, ei­ne gro­ße Eh­re. Dem Wach­tan­gow-Thea­ter ge­hör­te ich vier Spiel­zei­ten an und lern­te, auch auf der gro­ßen Büh­ne zu agie­ren. Dann ha­be ich das ab­ge­bro­chen, da ich be­merk­te, dass die Er­ar­bei­tung und Ent­wick­lung ei­ner neu­en Auf­füh­rung für mich das Span­nen­de ist und mich die Re­pro­duk­ti­on ei­ner Auf­füh­rung im Re­per­toire zu we­nig in­ter­es­siert. Hin­zu ka­men Er­fah­run­gen wie die­se: Drau­ßen ist Früh­ling, drin­nen auf ei­ner Pro­be­büh­ne hörst du dem Re­gis­seur beim Kon­zep­ti­ons­ge­spräch zu, und du meinst, ei­nen völ­li­gen Re­a­li­täts- und Ge­gen­warts­ver­lust zu spü­ren; du weißt plötz­lich nicht mehr, in wel­chem Jahr und in wel­cher Welt du lebst, als sei das völ­lig egal für das, was du tust. Zu­dem ent­wi­ckel­te sich zu Be­ginn des Mil­len­ni­ums ei­ne un­glaub­li­che Club­sze­ne in Mos­kau. Da­mals ent­deck­ten wir Rus­sen die Welt, die uns so lan­ge ver­schlos­sen ge­we­sen war: das zeit­ge­nös­si­sche Thea­ter, die zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik und die Ma­le­rei.

Ich be­gann, ein­fach »ab­zu­hän­gen«, was zu ei­ner wirk­lich wich­ti­gen Zeit und Er­fah­rung wur­de. Denn ich ha­be da­mals her­aus­ge­fun­den, wie man mit Men­schen kom­mu­ni­ziert. Das ist das Wich­tigs­te für ei­nen Re­gis­seur: Wie fin­dest du ei­nen Draht zu den Men­schen, war­um brau­chen wir al­le ein­an­der, und wie­so sind wir al­le von­ein­an­der ab­hän­gig? Wie kön­nen wir uns wech­sel­sei­tig in­spi­rie­ren? Als Thea­ter­mensch kannst du dei­ne Kunst nicht al­lei­ne aus­üben. Ich ha­be dann auch am GITIS, der rus­si­schen Aka­de­mie für Thea­ter­kunst, sze­ni­schen Un­ter­richt ge­ge­ben. In die­ser Zeit fand ich mei­nen ers­ten Spon­sor. Er er­mög­lich­te mei­ne ers­te ei­ge­ne Per­for­mance in Edin­burgh im Rah­men des dor­ti­gen Fringe-Fes­ti­vals. In ihr ha­be ich ge­gen mei­ne ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit ge­wü­tet; ich woll­te kei­nen Text und kei­ne Schau­spie­ler auf der Büh­ne. An­na Aba­li­khi­na, die Cho­reo­gra­fin, mit der ich re­gel­mä­ßig zu­sam­men­ar­bei­te und die auch bei Lu­i­sa Mil­ler da­bei ist, sah die Auf­füh­rung da­mals (wir kann­ten uns noch nicht) und meint, sich an ei­ne grau­en­haf­te Dar­bie­tung zu er­in­nern. Heu­te be­mer­ke ich auf je­der Pro­be hier in Wien, wie ich mit dem Werk­zeug ar­bei­te, das ich in die­ser ver­damm­ten Thea­ter­schu­le er­lernt ha­be. Ich er­in­ne­re mich, wie sehr mich das ge­prägt hat. Das prägt ein gan­zes Le­ben. An­fang der Nul­ler­jah­re war ich üb­ri­gens schon ein­mal in Wien un­ter­wegs, an­läss­lich ei­nes Künst­ler­aus­tauschs bei »brut«. Und vor Kur­zem ha­be ich hier mit dem Klang­fo­rum Wien ein in­sze­nier­tes Kon­zert ge­stal­tet.

Wann ging es mit dem Mu­sik­thea­ter los?

2012 in Perm mit La Voix humaine von Poulenc und dort auch noch im sel­ben Jahr Me­de­a­ma­te­ri­al von Pas­cal Du­sa­pin/Hei­ner Mül­ler mit Teo­dor Cur­rent­zis am Pult. Dem Thea­ter in Perm war ich viele Spielzeiten ver­bun­den, mit In­sze­nie­run­gen an der Oper wie Lie­be zu den drei Oran­gen von Pro­kof­jew oder am Schau­spiel mit Mas­ke­ra­de von Ler­mon­tow. Seit­her hat sich mei­ne Tä­tig­keit in den deutsch­sprachigen Raum ver­la­gert, so habe ich auch am Theater in Giessen ei­ne Oper und ein Gershwin-Musical ins­zeniert.

Wie und wann kam es zu dei­ner ers­ten Opern­in­sze­nie­rung im deutsch­spra­chi­gen Raum?

In Wup­per­tal er­ar­bei­te­te ich im Mai 2022 Her­zog Blau­barts Burg von Bar­tók. Mein Kon­takt zu Wup­per­tal kam über ei­nen dort gas­tie­ren­den rus­si­schen Dra­ma­tur­gen, Ilya Kucharenko, zu­stan­de. Ilya war seit den An­fän­gen mit La Voix humaine mein wich­tigs­ter Mit­ar­bei­ter bei der Opern­re­gie. Ich ha­be von ihm al­les ge­lernt über Opern­re­gie, aber ich ha­be das Be­dürf­nis, die­ses Wis­sen viel­leicht et­was an­ders an­zu­wen­den als er. Bei al­ler Dis­zi­plin und der Not­wen­dig­keit, sze­ni­sche Ent­schei­dun­gen »hoch­rech­nen« zu kön­nen, muss ich nicht al­les an­ti­zi­pie­ren, ich darf auch Din­ge of­fen las­sen. Auf­grund sol­cher me­tho­di­scher und äs­the­ti­scher Dif­fe­ren­zen ha­ben wir bei­de uns jetzt ei­ne Aus­zeit ver­ord­net, aber Ilya war auch bei mei­ner Vor­be­rei­tung auf Lu­i­sa Mil­ler ein wich­ti­ger Part­ner.

Er­zählst du uns et­was über dei­ne An­nä­he­rung an Lu­i­sa Mil­ler und die von dir ge­wähl­te Er­zähl­per­spek­ti­ve?

Ich möch­te ei­gent­lich grund­sätz­lich nie­mals den Au­tor auf der Büh­ne zei­gen. Aber Ver­di schreibt und kom­po­niert als rei­fer Mann die Ge­schich­te ei­ner jun­gen Frau, und es scheint mir, als ha­be er sich mit dem Va­ter iden­ti­fi­ziert und dass es al­so Ver­dis Au­gen sind, die durch Mil­lers Mas­ke auf das Ge­sche­hen bli­cken. Wir er­zäh­len das Gan­ze als Rück­blen­de: Ein ob­dach­lo­ser, äl­te­rer Mann an der Bus­hal­te­stel­le – das ist das Bild, das du und ich ja ge­mein­sam ge­fun­den ha­ben. Und auf der Büh­ne da­hin­ter ent­fal­tet sich die gan­ze Welt und das Schick­sal, die sich hin­ter der Er­schei­nung des al­ten, ver­kom­me­nen Man­nes ver­ber­gen.

In dei­ner Re­gie­ar­beit sind al­le Fi­gu­ren und all ih­re Kon­flik­te von in­nen her­aus ver­stan­den und durch­drun­gen, die­se fin­den ei­nen prä­gnan­ten kör­per­sprach­li­chen Aus­druck, und den­noch sind wir weit ent­fernt von je­dem Büh­nen-Re­a­lis­mus.

Ich bin heu­te 50 Jah­re alt und ha­be ver­stan­den, dass ich auf Wach­tan­gows fan­tas­ti­schem Re­a­lis­mus auf­bau­e. Wach­tan­gow, der Schau­spie­ler, Re­gis­seur und gro­ße Er­neue­rer des rus­si­schen Thea­ters, hat ein­mal ge­sagt: »Bei Sta­ni­slaw­ski sieht ein Hüh­n­chen auf ei­nem Tisch ab­so­lut re­a­lis­tisch aus, aber des­we­gen ist es auch un­in­ter­es­sant. Bei sei­nem An­ti­po­den Mey­er­hold sieht das Hüh­n­chen wun­der­bar aus, aber du kannst es nicht es­sen. Ich wün­sche mir ein Hüh­n­chen, das wun­der­bar aus­sieht, aber auch ge­ges­sen wer­den kann.« Das ist mei­ne Aus­bil­dung, das ist mei­ne Schu­le. Mei­ne thea­tra­le Wirk­lich­keit setzt sich aus Frag­men­ten, Ge­füh­len und Ima­gi­na­tio­nen zu­sam­men.

 »Das ist das Wichtigste für einen Regisseur: Wie findest du einen Draht zu den Menschen, warum brauchen wir alle einander und wieso sind wir allevoneinander abhängig? Wie können wir uns wechselseitig inspirieren?«
 

Du hast ein­mal ge­sagt, Ro­dol­fo sei für dich der tra­gischs­te Cha­rak­ter des gan­zen Stü­ckes. Kannst du das ver­deut­li­chen?

Für das Glück, für die Zu­kunft die­ses jun­gen Men­schen wur­de ein Ver­bre­chen be­gan­gen, wur­de ein Mensch er­mor­det. Da­mit wur­de Ro­dol­fo von sei­nem Va­ter in Gei­sel­haft ge­nom­men. Das muss man sich vor­stel­len: Als Kind kannst du vor ei­ner sol­chen Hy­po­thek nur die Au­gen ver­schlie­ßen; es kos­tet dich ei­ne un­ge­heu­re An­stren­gung, die Au­gen auch nur ei­nen Spalt weit zu öff­nen, um die ei­ge­ne Si­tua­ti­on wahr­zu­neh­men. Ro­dol­fo ist von sei­nem Va­ter ge­bro­chen wor­den, be­vor er auf die Welt kam. Sein Schick­sal ist viel schreck­li­cher noch als das Lui­sas. Auch Lui­sa ist mit dem Bö­sen kon­fron­tiert, aber sie hat noch ei­ne re­a­le Chan­ce, zu flie­hen, auch wenn ihr Flucht­ver­such mit dem Va­ter schei­tert. Auf So­cial Me­dia kann man heu­te prak­tisch da­bei zu­se­hen, wie rei­che, mäch­ti­ge El­tern ih­ren of­fen­kun­dig schwu­len Sohn vor un­se­ren Au­gen er­mor­den, in­dem sie des­sen Hei­rat mit ei­ner Frau er­zwin­gen.

Ro­dol­fo pas­siert durch sei­ne vom Va­ter ver­ord­ne­te Zwangs­ehe mit Fe­de­ri­ca et­was Ähn­li­ches.

Fe­de­ri­ca ist Teil die­ser gla­mou­rö­sen und gna­den­lo­sen Macht­welt. Bei der Rück­kehr an den Ort ih­rer an­geb­lich un­be­schwer­ten, »un­schul­di­gen« Ju­gend ze­le­briert sie sen­ti­men­ta­le Er­in­ne­run­gen. Wir ver­ste­hen aber bald, dass sie in die­ser Welt auf­ge­wach­sen ist, die wir als ei­ne von Kil­lern und Es­cort Girls be­völ­ker­te Sau­na ver­ge­gen­wär­ti­gen. Jetzt kehrt sie als rei­che und mäch­ti­ge ad­li­ge Wit­we zu­rück, aber die Fas­sa­de ih­rer In­sze­nie­rung fällt schnell von ihr ab, und sie ou­tet sich als ost­eu­ro­pä­i­scher »Gop­nik«, al­so ei­ne in ei­nem kri­mi­nel­len Mi­lieu so­zia­li­sier­te Frau, die zu Macht, Geld und An­se­hen ge­kom­men ist.

Und die bei­den Schur­ken?

Wal­ter und Wurm, bei­de sind Schur­ken. Aber viel­leicht ist Wurm der noch Schlim­me­re von bei­den. Wal­ter hat sei­ne Va­ter­rol­le falsch ver­stan­den und die­se per­ver­tiert, aber Ver­di ge­steht sei­nem Ver­hal­ten ei­ne ge­wis­se nach­voll­zieh­ba­re Be­rech­ti­gung zu. Ich fra­ge mich wirk­lich – und ha­be kei­ne Ant­wort: Kann man mit ei­nem of­fen­kun­di­gen Bö­se­wicht wie Wal­ter nicht doch bes­ser noch um­ge­hen als mit ei­nem Funk­tio­när wie Wurm, ei­nem fei­gen bü­ro­kra­ti­schen Schreib­tisch­tä­ter, der zu al­lem be­reit ist? Was wä­re ein Au­to­krat oh­ne die hun­dert­tau­sen­den Mit­läu­fer und De­nun­zi­an­ten, die ih­ren Pro­fit aus sei­nen Un­ta­ten zie­hen? Wie ge­sagt: Ich ha­be kei­ne Ant­wort.

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