»Ein Hühnchen, das wunderbar aussieht, aber auch gegessen werden kann.«
Interview |
Lieber Phil, magst du uns kurz deine Geschichte erzählen? Deine Theaterarbeit ist geprägt durch die unterschiedlichsten Kenntnisse und künstlerisch-handwerklichen Fertigkeiten: Du bist Schauspieler, bildender Künstler, Bühnenbildner und Regisseur.
Für mich war die Ablösung vom Elternhaus eine sehr wichtige Zeit.
Du stammst aus einer bekannten russischen Theaterfamilie, dein Vater war Regisseur, deine Mutter eine berühmte Schauspielerin.
Mein Vater war ein 1937 geborener sowjetischer Regisseur. Als Künstler hat er das Kollabieren der Sowjetunion in den Neunigern nicht überlebt. In seiner großen Zeit machte er Avantgarde-Theater in Sibirien, dort bin ich in Tomsk zur Welt gekommen. In der sowjetischen Kulturszene öffneten sich immer wieder Nischen. In jener Zeit war ein Regisseur und Theaterleiter eine unhinterfragbare Autorität, eine lokale Gottheit gewissermaßen. Das Theater, das mein Vater leitete, erhielt staatliche Unterstützung, wobei die zuständigen Gremien nicht ahnten, was sie da zum Teil unterstützten. Zum Verhängnis wurde es meinem Vater, als das Fernsehen anrückte, um eine seiner erfolgreichen Inszenierungen aufzuzeichnen; das lenkte die Aufmerksamkeit der Zensurbehörden auf ihn. In der Folge verlor er seine Position.
Auch meine Ausbildung, die zwar schon in die Zeit der Perestroika, also Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre fiel, geschah noch ganz in den Koordinaten des alten sowjetischen Systems. Als Kind begann ich mit einer Zeichenausbildung und fand als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger zu einer Art abstraktem Expressionismus.
Um nicht mit 18 Jahren gleich zur Armee eingezogen zu werden, war es hilfreich, ein Studium zu beginnen: Als Studierender war die Galgenfrist etwas länger. Ich entschied mich für ein Schauspielstudium an der Schtschukin-Theaterhochschule. Diese war 1914 gegründet worden und ist dem renommierten Wachtangow-Theater angegliedert. Sie bot damals die beste Schauspielausbildung, während das MChT, das Moskauer Künstlertheater, und die zu ihm gehörige Schauspielschule eine schwierige Phase durchliefen. Die Schtschukin-Theaterhochschule war so etwas wie Hogwarts aus der Harry-Potter-Saga. Eine Klosterschule, aber mit einer sehr kreativen, konstruktiven Atmosphäre. Die Ausbildung war ein Parcours; man wurde von Anfang an evaluiert, jede Etüde und jede Unterrichtseinheit war auch ein Examen.
Als einer der besten Studenten des Kurses wurde ich in das Ensemble aufgenommen, eine große Ehre. Dem Wachtangow-Theater gehörte ich vier Spielzeiten an und lernte, auch auf der großen Bühne zu agieren. Dann habe ich das abgebrochen, da ich bemerkte, dass die Erarbeitung und Entwicklung einer neuen Aufführung für mich das Spannende ist und mich die Reproduktion einer Aufführung im Repertoire zu wenig interessiert. Hinzu kamen Erfahrungen wie diese: Draußen ist Frühling, drinnen auf einer Probebühne hörst du dem Regisseur beim Konzeptionsgespräch zu, und du meinst, einen völligen Realitäts- und Gegenwartsverlust zu spüren; du weißt plötzlich nicht mehr, in welchem Jahr und in welcher Welt du lebst, als sei das völlig egal für das, was du tust. Zudem entwickelte sich zu Beginn des Millenniums eine unglaubliche Clubszene in Moskau. Damals entdeckten wir Russen die Welt, die uns so lange verschlossen gewesen war: das zeitgenössische Theater, die zeitgenössische Musik und die Malerei.
Ich begann, einfach »abzuhängen«, was zu einer wirklich wichtigen Zeit und Erfahrung wurde. Denn ich habe damals herausgefunden, wie man mit Menschen kommuniziert. Das ist das Wichtigste für einen Regisseur: Wie findest du einen Draht zu den Menschen, warum brauchen wir alle einander, und wieso sind wir alle voneinander abhängig? Wie können wir uns wechselseitig inspirieren? Als Theatermensch kannst du deine Kunst nicht alleine ausüben. Ich habe dann auch am GITIS, der russischen Akademie für Theaterkunst, szenischen Unterricht gegeben. In dieser Zeit fand ich meinen ersten Sponsor. Er ermöglichte meine erste eigene Performance in Edinburgh im Rahmen des dortigen Fringe-Festivals. In ihr habe ich gegen meine eigene Vergangenheit gewütet; ich wollte keinen Text und keine Schauspieler auf der Bühne. Anna Abalikhina, die Choreografin, mit der ich regelmäßig zusammenarbeite und die auch bei Luisa Miller dabei ist, sah die Aufführung damals (wir kannten uns noch nicht) und meint, sich an eine grauenhafte Darbietung zu erinnern. Heute bemerke ich auf jeder Probe hier in Wien, wie ich mit dem Werkzeug arbeite, das ich in dieser verdammten Theaterschule erlernt habe. Ich erinnere mich, wie sehr mich das geprägt hat. Das prägt ein ganzes Leben. Anfang der Nullerjahre war ich übrigens schon einmal in Wien unterwegs, anlässlich eines Künstleraustauschs bei »brut«. Und vor Kurzem habe ich hier mit dem Klangforum Wien ein inszeniertes Konzert gestaltet.
Wann ging es mit dem Musiktheater los?
2012 in Perm mit La Voix humaine von Poulenc und dort auch noch im selben Jahr Medeamaterial von Pascal Dusapin/Heiner Müller mit Teodor Currentzis am Pult. Dem Theater in Perm war ich viele Spielzeiten verbunden, mit Inszenierungen an der Oper wie Liebe zu den drei Orangen von Prokofjew oder am Schauspiel mit Maskerade von Lermontow. Seither hat sich meine Tätigkeit in den deutschsprachigen Raum verlagert, so habe ich auch am Theater in Giessen eine Oper und ein Gershwin-Musical inszeniert.
Wie und wann kam es zu deiner ersten Operninszenierung im deutschsprachigen Raum?
In Wuppertal erarbeitete ich im Mai 2022 Herzog Blaubarts Burg von Bartók. Mein Kontakt zu Wuppertal kam über einen dort gastierenden russischen Dramaturgen, Ilya Kucharenko, zustande. Ilya war seit den Anfängen mit La Voix humaine mein wichtigster Mitarbeiter bei der Opernregie. Ich habe von ihm alles gelernt über Opernregie, aber ich habe das Bedürfnis, dieses Wissen vielleicht etwas anders anzuwenden als er. Bei aller Disziplin und der Notwendigkeit, szenische Entscheidungen »hochrechnen« zu können, muss ich nicht alles antizipieren, ich darf auch Dinge offen lassen. Aufgrund solcher methodischer und ästhetischer Differenzen haben wir beide uns jetzt eine Auszeit verordnet, aber Ilya war auch bei meiner Vorbereitung auf Luisa Miller ein wichtiger Partner.
Erzählst du uns etwas über deine Annäherung an Luisa Miller und die von dir gewählte Erzählperspektive?
Ich möchte eigentlich grundsätzlich niemals den Autor auf der Bühne zeigen. Aber Verdi schreibt und komponiert als reifer Mann die Geschichte einer jungen Frau, und es scheint mir, als habe er sich mit dem Vater identifiziert und dass es also Verdis Augen sind, die durch Millers Maske auf das Geschehen blicken. Wir erzählen das Ganze als Rückblende: Ein obdachloser, älterer Mann an der Bushaltestelle – das ist das Bild, das du und ich ja gemeinsam gefunden haben. Und auf der Bühne dahinter entfaltet sich die ganze Welt und das Schicksal, die sich hinter der Erscheinung des alten, verkommenen Mannes verbergen.
In deiner Regiearbeit sind alle Figuren und all ihre Konflikte von innen heraus verstanden und durchdrungen, diese finden einen prägnanten körpersprachlichen Ausdruck, und dennoch sind wir weit entfernt von jedem Bühnen-Realismus.
Ich bin heute 50 Jahre alt und habe verstanden, dass ich auf Wachtangows fantastischem Realismus aufbaue. Wachtangow, der Schauspieler, Regisseur und große Erneuerer des russischen Theaters, hat einmal gesagt: »Bei Stanislawski sieht ein Hühnchen auf einem Tisch absolut realistisch aus, aber deswegen ist es auch uninteressant. Bei seinem Antipoden Meyerhold sieht das Hühnchen wunderbar aus, aber du kannst es nicht essen. Ich wünsche mir ein Hühnchen, das wunderbar aussieht, aber auch gegessen werden kann.« Das ist meine Ausbildung, das ist meine Schule. Meine theatrale Wirklichkeit setzt sich aus Fragmenten, Gefühlen und Imaginationen zusammen.
»Das ist das Wichtigste für einen Regisseur: Wie findest du einen Draht zu den Menschen, warum brauchen wir alle einander und wieso sind wir allevoneinander abhängig? Wie können wir uns wechselseitig inspirieren?«
Du hast einmal gesagt, Rodolfo sei für dich der tragischste Charakter des ganzen Stückes. Kannst du das verdeutlichen?
Für das Glück, für die Zukunft dieses jungen Menschen wurde ein Verbrechen begangen, wurde ein Mensch ermordet. Damit wurde Rodolfo von seinem Vater in Geiselhaft genommen. Das muss man sich vorstellen: Als Kind kannst du vor einer solchen Hypothek nur die Augen verschließen; es kostet dich eine ungeheure Anstrengung, die Augen auch nur einen Spalt weit zu öffnen, um die eigene Situation wahrzunehmen. Rodolfo ist von seinem Vater gebrochen worden, bevor er auf die Welt kam. Sein Schicksal ist viel schrecklicher noch als das Luisas. Auch Luisa ist mit dem Bösen konfrontiert, aber sie hat noch eine reale Chance, zu fliehen, auch wenn ihr Fluchtversuch mit dem Vater scheitert. Auf Social Media kann man heute praktisch dabei zusehen, wie reiche, mächtige Eltern ihren offenkundig schwulen Sohn vor unseren Augen ermorden, indem sie dessen Heirat mit einer Frau erzwingen.
Rodolfo passiert durch seine vom Vater verordnete Zwangsehe mit Federica etwas Ähnliches.
Federica ist Teil dieser glamourösen und gnadenlosen Machtwelt. Bei der Rückkehr an den Ort ihrer angeblich unbeschwerten, »unschuldigen« Jugend zelebriert sie sentimentale Erinnerungen. Wir verstehen aber bald, dass sie in dieser Welt aufgewachsen ist, die wir als eine von Killern und Escort Girls bevölkerte Sauna vergegenwärtigen. Jetzt kehrt sie als reiche und mächtige adlige Witwe zurück, aber die Fassade ihrer Inszenierung fällt schnell von ihr ab, und sie outet sich als osteuropäischer »Gopnik«, also eine in einem kriminellen Milieu sozialisierte Frau, die zu Macht, Geld und Ansehen gekommen ist.
Und die beiden Schurken?
Walter und Wurm, beide sind Schurken. Aber vielleicht ist Wurm der noch Schlimmere von beiden. Walter hat seine Vaterrolle falsch verstanden und diese pervertiert, aber Verdi gesteht seinem Verhalten eine gewisse nachvollziehbare Berechtigung zu. Ich frage mich wirklich – und habe keine Antwort: Kann man mit einem offenkundigen Bösewicht wie Walter nicht doch besser noch umgehen als mit einem Funktionär wie Wurm, einem feigen bürokratischen Schreibtischtäter, der zu allem bereit ist? Was wäre ein Autokrat ohne die hunderttausenden Mitläufer und Denunzianten, die ihren Profit aus seinen Untaten ziehen? Wie gesagt: Ich habe keine Antwort.