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Der Tod im apokalyptischen Wimmelbild

Interview |

Georg Nigl im Interview zu Ligetis »Le Grand Macabre«

Georg Nigl ge­hört zu den cha­ris­ma­tischs­ten Sän­ger­dar­stel­lern der in­ter­na­tio­na­len Opern­sze­ne: Sei­ne enor­me stimm­li­che wie schau­spie­le­ri­sche Wand­lungs­fä­hig­keit prä­de­sti­niert ihn ge­ra­de­zu für ein ge­wal­ti­ges Re­per­toire: Mit ei­ner Bach­kan­ta­te oder ei­nem Schu­bert­lied weiß er das Pu­bli­kum zu Trä­nen zu rüh­ren, mit ei­nem Pa­pa­ge­no oder dem Ei­sen­stein in der Fledermaus zeigt er sein tief­grün­dig-ko­mi­sches Ta­lent, als Op­fer-Tä­ter Wozzeck leuch­tet er weit in die see­li­schen Un­tie­fen ei­nes von der Ge­sell­schaft aus­ge­grenz­ten psy­chisch la­bi­len Grenz­gän­gers, und di­ver­sen (ver­meint­li­chen) Bö­se­wich­tern – et­wa dem Al­be­rich aus Wag­ners Ring – ver­leiht er je­ne lau­ern­de Be­droh­lich­keit, die nur ex­zel­len­ten In­ter­pre­ten in die­ser In­ten­si­tät ge­lingt. Ober­fläch­li­ches ist Nigl je­den­falls fremd; oh­ne sich je­mals zu scho­nen, wid­met er sich – sei es in den Pro­ben, sei es in den Vor­stel­lun­gen – mit ei­nem ge­ra­de­zu 150-pro­zen­ti­gen emo­tio­na­len Ein­satz der je­wei­li­gen Rol­len­ge­stal­tung. Kein Wun­der, dass er auf den we­sent­lichs­ten Büh­nen der Welt ge­ra­de­zu her­um­ge­reicht wird. In György Ligetis Le Grand Macabre ist er nun wieder in der Rolle des Nekrotzar zu sehen.

Wer ist die­ser Ne­kro­tzar? Der apo­ka­lyp­ti­sche Tod, wie er sel­ber be­haup­tet, ein Gau­k­ler oder gar ein ar­mer Ir­rer?

Im Ori­gi­nal von Mi­chel de Ghel­de­ro­de ist er de­fi­ni­tiv ein Schau­spie­ler, Li­ge­ti lässt das für sei­ne Oper aber be­wusst of­fen. Ich le­ge ihn in mei­ner Rol­len­ge­stal­tung als gro­ßes Kind an. Ei­nes, dem man einst et­was Es­sen­zi­el­les weg­ge­nom­men hat und das da­durch ei­ne psy­chi­sche Ver­letz­theit da­von­ge­tra­gen hat. Wich­tig ist mir, von der all­zu ko­mik­haf­ten Dar­stel­lung weg­zu­kom­men, aber auch ein her­um­brül­len­der Typ mit ei­ner Sen­se in der Hand ist mir zu we­nig, zu ein­di­men­sio­nal. Die Rol­le be­darf ei­ner Brei­te und Tie­fe – ver­ges­sen wir nicht, dass Ne­kro­tzar, zu­min­dest laut sei­ner ei­ge­nen Be­haup­tung, so üb­le Ge­stal­ten wie Ne­ro oder Ca­li­gu­la aus­ge­löscht und da­mit der da­ma­li­gen Ge­sell­schaft ei­nen Dienst er­wie­sen hat. So bö­se Ne­kro­tzar al­so ist, man könn­te ihm zu­gleich für man­ches dank­bar sein. Und selt­sam: Wenn er am En­de in sei­ner Be­trun­ken­heit merkt, dass et­was nicht stimmt, dass er ei­nen Feh­ler ge­macht hat, wirkt er mit ei­nem Mal un­ge­mein ver­ein­samt und er­weckt da­durch mein Mit­leid – ob­wohl ich den Tod an sich grund­sätz­lich als ei­nen Skan­dal emp­fin­de.

Glaubt Ne­kro­tzar ei­gent­lich an sei­ne ei­ge­ne Welt­un­ter­gangs­ver­kün­di­gung?

Klar, er kommt als völ­lig ab­ge­ho­be­ner fins­te­rer Tri­um­pha­tor da­her. Lei­der exis­tie­ren sol­che Ty­pen auch im rea­len Le­ben, nicht zu­letzt in der Po­li­tik. Wenn ein Pu­tin Re­den schwin­gend in ei­nem Sta­di­on auf- und ab­schrei­tet, ist er nicht weit weg von den wahn­sin­ni­gen At­ti­tü­den die­ses fik­ti­ven To­des­pro­phe­ten. Dass Ne­kro­tzar schluss­end­lich von den skur­rils­ten, den ver­rück­tes­ten Rand­ge­stal­ten der Hand­lung be­siegt wird, ist na­tür­lich dem bö­sen Hu­mor des Wer­kes ge­schul­det, ein bö­ser Hu­mor, den Li­ge­ti un­ent­wegt nach­schärft. Man könn­te es aber zu­gleich als ei­ne Art Hoff­nung se­hen, dass die ge­fähr­lichs­ten Ge­stal­ten so­gar über ge­sell­schaft­li­che Rand­ge­stal­ten stol­pern kön­nen. Lei­der ist es aber an­de­rer­seits so, dass wir so vie­les und vie­le, die nicht in das Main­stream­kor­sett der Ge­gen­wart pas­sen, so sehr an den Rand drän­gen, dass sie ver­lo­ren ge­hen. 

Das gilt im wei­te­ren Sin­ne ge­nau­so für die Län­der des glo­ba­len Sü­dens. Was dort für Ta­len­te vor die Hun­de ge­hen, die uns viel­leicht Lö­sun­gen für die gro­ßen Fra­gen und Kri­sen der Mensch­heit ge­ben könn­ten, ist er­schre­ckend. Es gibt ei­ne schö­ne Pas­sa­ge in Exu­pé­rys Ro­man Wind, Sand und Sterne, wo der Au­tor be­rich­tet, wie er in ei­nem vol­len Zug zu­sam­men­ge­pferch­te Flücht­lin­ge vor­fin­det und un­ter ih­nen ein klei­nes, schla­fen­des, ver­letz­lich wir­ken­des Kind. Ein Kind, so Exu­pé­ry, das viel­leicht die An­la­gen ei­nes Mo­zart be­sitzt, die aber in die­ser Um­ge­bung nie zur Ent­fal­tung ge­lan­gen kön­nen. So ge­se­hen ist Le Grand Macabre auch ein Auf­ruf, den Rand der Ge­sell­schaft und der Mensch­heit wie­der zu­rück­zu­ho­len, zu be­ach­ten, da die Hil­fe vor ei­ner Apo­ka­lyp­se viel­leicht dort zu fin­den ist.

Soll­te Ne­kro­tzar der Tod sein, ist mit sei­nem Ver­schwin­den, mit sei­ner Über­win­dung die Mensch­heit un­sterb­lich ge­wor­den. Ein Hap­py End?

Wir se­hen in die­ser Oper ei­ne Nacht, ein De­tail aus dem Mensch­heits­ge­sche­hen mi­kro­sko­pisch ver­grö­ßert. Ne­kro­tzar wur­de ein Schnipp­chen ge­schla­gen, aber ob das schon ein Hap­py End be­deu­tet? Ge­ra­de in Wien gibt es ja ei­ne schö­ne und man­nig­fal­ti­ge Sa­gen­tra­di­ti­on, in der der Tod im­mer wie­der über­lis­tet wird, oh­ne dass da­durch am En­de ei­ne dau­er­haf­te Un­sterb­lich­keit Platz greift. Ich hal­te den Sieg über Ne­kro­tzar nur für et­was Vor­über­ge­hen­des. Zu­mal die Men­schen ge­nau so sind, wie sie sind: Sie än­dern nur dann et­was zum Gu­ten, wenn sie wirk­lich müs­sen. Und die­ses ver­ant­wor­tungs­lo­se Drauf­los­le­ben, oh­ne Rück­sicht auf ir­gend­je­man­den und ir­gend­et­was, wie wir es in Le Grand Macabre in die­sem er­fun­de­nen, wim­mel­bild­ar­ti­gen Breu­ghel­land vor­ge­führt be­kom­men, kann auf Dau­er nicht funk­tio­nie­ren. Ein ak­tu­el­le­rer Kom­men­tar zur Kli­ma­kri­se kann auf der Opern­büh­ne gar nicht ge­setzt wer­den. Ne­kro­tzar ist tot, aber es wird schon ei­ne neue Mög­lich­keit ent­ste­hen, der Mensch­heit das Fürch­ten zu leh­ren.

Sie ha­ben vor­hin an­ge­deu­tet, ge­gen Schluss hin so­gar Mit­leid mit Ne­kro­tzar zu emp­fin­den. Soll auch das Pu­bli­kum Mit­leid mit die­ser son­der­ba­ren Fi­gur be­kom­men? Im­mer­hin geht es mög­li­cher­wei­se um den ech­ten Tod.

Ich ha­be die Zeit des Ein­stu­die­rens die­ser Rol­le als nicht sehr an­ge­nehm emp­fun­den, da so ein Cha­rak­ter ja et­was mit ei­nem selbst macht. Na­tür­lich bin ich nicht wie ein Wahn­sin­ni­ger, mei­ne Fa­mi­lie an­schrei­end, in der Woh­nung her­um­ge­lau­fen. Aber ganz fern konn­te ich Ne­kro­tzar von nie­man­dem in mei­ner Um­ge­bung hal­ten. Auf der Büh­ne ist es et­was an­de­res. Da will ich ja in an­de­ren Men­schen Ge­füh­le und Emo­tio­nen aus­lö­sen. Wenn es mir nun in die­sem Sin­ne ge­län­ge, die Zu­schau­er im Pu­bli­kum zu er­rei­chen und ir­gend­ei­ne Form der Em­pa­thie aus­zu­lö­sen – ja, auch ge­gen­über dem ge­schei­ter­ten Ne­kro­tzar –, dann ha­be ich viel er­reicht. Es geht näm­lich dar­um, den Zu­schau­er zu be­schlei­chen, ihm auch durch und über ei­nen Ne­kro­tzar et­was über ihn selbst zu er­zäh­len. Man soll­te näm­lich durch­aus die Fra­ge zu­las­sen, wie viel Ne­kro­tzar in je­dem von uns steckt! Und dar­um ist es wich­tig, dass das Pu­bli­kum nicht bloß zu­schaut, wie der Nigl ei­ne merk­wür­di­ge Ge­stalt mimt, son­dern emo­tio­nal auf­ge­bro­chen wird – sich selbst und den an­de­ren ge­gen­über.

Schon beim schnel­len Le­sen der Macabre-Par­ti­tur fal­len die enor­men Her­aus­for­de­run­gen an die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger auf. Wo­rin be­ste­hen die­se im kon­kre­ten Fal­le des Ne­kro­tzar?

Zu­nächst liegt die Tes­si­tu­ra sehr un­an­ge­nehm. Die Par­tie weist so­wohl sehr ho­he als auch sehr tie­fe Pas­sa­gen auf. Dann gibt es vie­le Über­gän­ge vom Spre­chen ins Schrei­en, vom Sprech­ge­sang ins Sin­gen bzw. ins pa­the­ti­sche Sin­gen und um­ge­kehrt – der In­ter­pret kann sich da­her kei­nen Au­gen­blick lang scho­nen. Man­che Stel­len wei­sen wie­der­um ein enor­mes, ra­sches Tem­po auf, bei de­nen in kür­zes­ter Zeit viel Text un­ter­zu­brin­gen ist: Da hat man kei­ne Zeit nach­zu­den­ken, da muss al­les au­to­ma­ti­siert kom­men – und das Pu­bli­kum soll den Text ja ver­ste­hen, das ist schließ­lich ei­ne der pri­mä­ren Auf­ga­ben des Ge­san­ges.

In der zwei­ten Sze­ne et­wa gibt es ein Ter­zett, das ich Ma­schi­nen­ge­wehr-Tri­o nen­ne, weil es so schnell da­hin­rat­tert. Al­lein an die­sen drei Mi­nu­ten ha­be ich zwei Wo­chen stu­diert! Das muss bei der Vor­stel­lung sit­zen, denn je­der, der an die­ser Stel­le aus­steigt, fin­det nie wie­der hin­ein. Bom­ben­si­cher muss der Sän­ger auch bei man­chen rhyth­misch hei­klen Fol­gen sein, die nach au­ßen hin na­tür­lich und leicht zu wir­ken ha­ben. So et­wa gleich beim ers­ten Auf­tritt Ne­kro­tzars: Li­ge­ti woll­te, dass es wie frei ge­spro­chen klingt. Da­her kommt prak­tisch nichts auf ei­ne be­ton­te Takt­zeit, na­he­zu al­les ist syn­ko­piert. Das kann nur be­wäl­tigt wer­den, wenn der In­ter­pret ei­nen ste­ten in­ne­ren Puls auf­ge­baut hat, an dem er sich ori­en­tie­ren kann. Ähn­li­ches gilt für die Sze­ne, in der Ne­kro­tzar be­trun­ken ge­macht wird. Mein An­spruch ist über­dies, dass das Gan­ze nicht nur nach Stimm­ma­te­ri­al, son­dern schön klin­gen soll – mit der Kunst­fer­tig­keit des Opern­ge­san­ges vor­ge­tra­gen.

Das klingt al­les so kom­pli­ziert, dass man sich fragt, wo der Frei­raum für die In­ter­pre­ta­ti­on bleibt?

Ich kom­me ge­wis­ser­ma­ßen aus der Ur­text­welt, neh­me al­so die Mu­sik und den Text sehr ernst. Das gilt für Mo­zart, Haydn, Schu­bert, Wag­ner, Mon­te­ver­di ge­nau­so wie für Rihm, Neu­wirth, Du­sa­pin, Cer­ha – und eben auch für Li­ge­ti. Nicht­des­to­trotz ver­tre­te ich die Über­zeu­gung, dass der In­ter­pret eben­falls ei­ne schöp­fe­risch-ge­stal­ten­de Kraft be­sitzt, Per­sön­li­ches bei­zu­steu­ern hat. Da wir ein Werk mit den heu­ti­gen Oh­ren und nicht mit je­nen der Ent­ste­hungs­zeit hö­ren, ist der In­ter­pret ge­ra­de­zu ver­pflich­tet, man­ches ent­spre­chend zu adap­tie­ren. Au­ßer­dem kön­nen An­wei­sun­gen des Kom­po­nis­ten ver­schie­den­ar­tig ge­deu­tet wer­den: Wenn Li­ge­ti an ei­ner Stel­le schreibt: »Schreit um sich«, so kann die­ses Schrei­en sehr un­ter­schied­li­cher Qua­li­tät sein. Soll es klin­gen wie das Brül­len beim Mi­li­tär? Das Schrei­en ei­nes Kin­des? Das Schrei­en ei­nes Opern­sän­gers? Da lie­gen die Frei­hei­ten für den Sän­ger. Die Be­trun­ke­nen­sze­ne am Schluss wer­de ich bei­spiels­wei­se auf ei­ne ganz neue, ei­ge­ne Wei­se brin­gen. Mich er­in­nert die Mu­sik an die­ser Stel­le an ei­ne völ­lig ver­zerr­te Heu­ri­gen­mu­sik, und so ori­en­tie­re ich mich hier ein we­nig an ei­nem Hans Mo­ser oder Paul Hör­bi­ger.

»Ich komme gewissermaßen aus der Urtextwelt, nehme also die Musik und den Text sehr ernst.«

Wenn man ei­ne Rol­le ein­stu­diert, ent­wirft man au­to­ma­tisch ei­ge­ne Bil­der der je­wei­li­gen Fi­gur. Die­se tref­fen dann auf die Ide­en­welt des Re­gis­seurs. Wel­che neu­en Er­kennt­nis­se ha­ben Sie für die Fi­gur des Ne­kro­tzar im Lau­fe der Pro­ben­zeit ge­won­nen?

Ich neh­me na­tür­lich sehr ger­ne An­re­gun­gen an, über­ra­sche aber ge­nau­so ger­ne Re­gis­seu­re mit ei­ge­nen Vor­schlä­gen. Es macht mir so­gar re­gel­recht Spaß, ein vor­be­rei­te­tes Kon­zept an­zu­rei­chern oder so­gar et­was aus­zu­beu­len. (lacht) Im Fal­le des Ne­kro­tzar gibt es aber tat­säch­lich ein nicht un­wich­ti­ges De­tail, das mir erst durch die Ar­beit an die­ser Pro­duk­ti­on klar­ge­wor­den ist: die Be­reit­schaft Ne­kro­tzars, al­les um sich ge­nau zu be­trach­ten. Er ist näm­lich schon sehr an dem in­ter­es­siert, was um ihn her­um vor­geht. Ich hat­te eher ei­nen ego­be­zo­ge­nen Wahn­sin­ni­gen vor Au­gen ge­habt. Aber durch die­se Re­gie merk­te ich, wie sehr Ne­kro­tzar auf all das re­agiert, was um ihn her­um ge­schieht. Und das ist sehr viel – ich sprach ja schon vom Wim­mel­bild­cha­rak­ter des Stü­ckes, der zu­sätz­lich auch auf die In­sze­nie­rung mit ih­rer cho­reo­gra­fier­ten Tän­zer­schaft zu­trifft. Im Grun­de be­fin­det sich Ne­kro­tzar so­mit so­gar in der­sel­ben Po­si­ti­on wie das Pu­bli­kum.

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