»…denn Macht korrumpiert«

Interview |

Regisseur Kasper Holten über seinen Zugang zu Mozarts Meisterwerk.

Der Re­gis­seur Kas­per Hol­ten fei­er­te mit der Ido­me­neo-Neu­pro­duk­ti­on 2014 sein De­büt an der Wie­ner Staats­oper. Sei­ne In­sze­nie­rungs­ar­beit fo­kus­siert auf die durch den Tro­ja­ni­schen Krieg aus­ge­lös­ten Trau­ma­ta und die Last der Er­eig­nis­se des Er­leb­ten. Im Zu­ge der Pre­mie­re ent­stand die­ses In­ter­view – die voll­stän­di­ge Fas­sung fin­det sich im Pro­gramm­heft der Pro­duk­ti­on.

Schießt Ih­nen, so­bald Sie ein En­ga­ge­ment an­neh­men, gleich eine In­sze­nie­rungs­grund­i­dee für das be­tref­fen­de Werk durch den Kopf?

Das ist sehr un­ter­schied­lich. Manch­mal in­spi­riert mich ein Werk di­rekt, so­dass mich ein Ge­dan­ke förm­lich an­springt. An­de­re Opern brau­chen eine lan­ge Aus­ein­an­der­set­zung; bei Die Frau ohne Schatten saß ich zum Bei­spiel zwei Jah­re lang mit mei­nem Büh­nen­bild­ner und der Dra­ma­tur­gin und ha­be mei­nen Weg nur all­mäh­lich ge­fun­den.

Wie war es bei Idomeneo?

Von An­fang an war klar, wie toll das Ma­te­ri­al ist. Zu­nächst na­tür­lich die Mu­sik, in der man schon den rei­fen Mo­zart er­lebt. Dann bie­tet das Werk vie­le An­knüp­fungs­punk­te: die Va­ter-Sohn-Be­zie­hung, den Krieg und vor al­lem sei­ne Fol­gen, die Ro­meo-und-Ju­lia-Ge­schich­te so­wie das Ver­hält­nis von Sie­gern und Ver­lie­rern.

Aber aus der Sicht der Dra­ma­tur­gie ist Ido­me­neo kein ein­fa­ches Werk. Und die For­men­spra­che der Ope­ra se­ria for­dert den Re­gis­seur wohl be­son­ders her­aus?

Ido­me­neo ist kein psy­cho­lo­gisch-re­a­lis­ti­sches Stück, wie es et­wa Le noz­ze di Fi­ga­ro ist. Die Form der Ope­ra se­ria bringt es mit sich, dass – über­spitzt aus­ge­drückt – das we­sent­li­che Ge­sche­hen ganz schnell hin­ter der Büh­ne statt­fin­det und die Pro­ta­go­nis­ten dann über ihre Ge­füh­le sin­gen. Das birgt in sich die Ge­fahr ei­ner Sta­tik und be­son­ders die Ver­su­chung, dass man sich als Zu­schau­er zu­rück­lehnt und die Mu­sik ge­nießt, oh­ne über die kon­kre­te Hand­lungs­si­tua­ti­on auf der Büh­ne nach­zu­den­ken und – vor al­lem – dar­über, was die Mu­sik ge­ra­de über Be­zie­hun­gen, Schmerz und Ver­lust sagt. Wenn man als Re­gis­seur meint: »Oh Gott, jetzt kommt eine sie­ben Mi­nu­ten lan­ge Arie – was ma­che ich nur?«, und man schickt zu­sätz­lich zwei tan­zen­de Clowns auf die Büh­ne, die ver­ges­sen las­sen sol­len, dass jetzt ge­ra­de ge­sun­gen wird, dann ist das falsch und dumm, weil es zeigt, dass man der Mu­sik nicht ver­traut. Aber wir kom­men ja we­gen der Mu­sik! Al­so muss man als Re­gis­seur We­ge fin­den, zu zei­gen, was der Text meint, was die Mu­sik sagt, wo­rum es im Dra­ma geht.

Es geht al­so dar­um, das Werk zum Le­ben zu er­we­cken.

Ja. Wo­rum geht es in Ido­me­neo? Es geht um Men­schen, die nach ei­nem lan­gen, furcht­ba­ren, kon­se­quen­zen­rei­chen Krieg – dem Tro­ja­ni­schen Krieg, über den wir bis in die heu­ti­ge Zeit noch spre­chen – nach Hau­se kom­men, aber die Last der Er­eig­nis­se noch mit sich tra­gen. Sie al­le ha­ben ge­wis­ser­ma­ßen Ge­päck, das sie nicht ab­le­gen kön­nen. Ilia zum Bei­spiel hat ihr Land ver­lo­ren, sie hat er­lebt, wie ihr Volk und ih­re Fa­mi­lie er­mor­det wur­den. Oder Elettra, de­ren tra­gi­sche Ge­schich­te wir ja auch aus an­de­ren Opern ken­nen. Und Idomeneo selbst, der ja schon in sei­ner ers­ten Arie singt: »Ich wer­de von Schat­ten ver­folgt.« Er trägt vie­le Mor­de mit sich, ist vom Tod in­fi­ziert. Ge­nau das wol­len wir auf die Büh­ne brin­gen: wie al­le kämp­fen und sich mü­hen, das Ge­we­se­ne los­zu­wer­den, ei­nen Neu­an­fang zu fin­den. Nur ei­ner trägt kei­ne Last mit sich, das ist Idamante. Und dar­um brau­chen ihn al­le so sehr.

Zwi­schen all die­sen Büh­nen­hel­den, An­ti­hel­den, liegt Ih­nen ei­ner be­son­ders am Her­zen? Se­hen Sie ei­nen Sym­pa­thie­trä­ger?

Als Re­gis­seur bin ich kein Freund da­von, La­bels an Fi­gu­ren zu ste­cken. Es ist ein­fach zu sa­gen: Die­ser ist ein Bö­se­wicht, je­ner ein Held. Ganz so ein­fach ist das Le­ben nicht. Al­so gibt es für mich auch nicht den Sym­pa­thie­trä­ger schlechthin. Man sagt zum Bei­spiel im­mer wie­der, dass Elettra »bö­se« ist. Mei­ner Mei­nung nach stimmt das so aber nicht. Ich glau­be, dass sie ei­ne Frau ist, die sehr viel durch­ge­macht hat und nun hofft, mit Idamante, den sie hei­ra­ten soll, ein neu­es Le­ben zu be­gin­nen. Als sie nun sieht, wie die­ser mit Ilia flir­tet, spürt sie, dass sie auch die­se Hoff­nung ver­liert. Idomeneo wie­der­um macht viel Bö­ses, aber er ist nicht bö­se an sich. Er kommt als kor­rum­pier­ter Kö­nig aus dem Krieg und kann die Macht, die er so lan­ge ge­habt hat, nicht los­las­sen. Er ver­steht nicht, dass es für ihn Zeit ist, zu­rück­zu­tre­ten. Ein Pro­blem, das vie­le Mäch­ti­ge ha­ben, denn Macht kor­rum­piert.

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