Das Bewegt
Ballett |
Zu einer besonderen Veranstaltung lud der Freundeskreis Wiener Staatsballett seine Mitglieder in die Wiener Staatsoper ein. Franziska Wallner-Hollinek, ehemalige Tänzerin und nun Schuhverwalterin des Ensembles, gab Einblicke in die Welt des Spitzenschuhs.
Wer den Spitzenschuh erfunden hat und wer ihn als erste Tänzerin trug, darüber streiten sich Historiker*innen bis heute. Konkretere Aufzeichnungen über den Einsatz von Spitzenschuhen gibt es seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Epoche der Romantik Einzug in die Künste hielt. Das Interesse an einer anderen Welt, einer Welt des Jenseits, wuchs, und so setzten sich Künstler*innen das Ziel, die Darstellung des Märchenhaften und Schwerelosen, von Naturgeistern und Feen auf der Bühne noch glaubhafter zu machen.
Tänzerinnen wurden beispielsweise an Schnüren befestigt und hochgezogen, sodass sie für einen Moment auf den Zehen tanzen konnten und den Eindruck des Schwebens erweckten. Doch man stellte sich die Frage, wie dieser Schwebeeffekt ohne aufwendige Bühnentechnik realisiert werden könnte. Der Spitzenschuh kam ins Spiel, und es war die Tänzerin Marie Taglioni, die als Starballerina des romantischen Balletts den Spitzentanz verfeinerte und als sublimes, künstlerisches Ausdrucksmittel einsetzte.
Für die Premiere des Balletts La Sylphide im Jahr 1832 gelang der Tänzerin durch den Einsatz der Spitzenschuhe als Erster die perfekte Illusion der schwebenden Waldfee. Allerdings konnte sie mit ihren wenig verstärkten Schuhen nur einige Minuten auf Spitze tanzen. Eine Weiterentwicklung war nötig. Erst im Übergang zum 20. Jahrhundert wurde die sogenannte harte »Box« entworfen, die das Tanzen auf den Zehenspitzen maßgeblich erleichterte. Bis heute wird an dem perfekten Spitzenschuh gearbeitet, und neue Technologien werden erforscht, die Schmerzen und das Verletzungsrisiko senken sollen.
Hinter dem Einsatz des Schuhs, der auf der Bühne Leichtig- und Schwerelosigkeit suggerieren soll, steht nicht nur sehr viel Anstrengung und technische Präzision der Tänzerinnen, sondern auch die Herstellung bis hin zum Einsatz der Schuhe ist wahrhaft eine besondere Kunstform. Spitzenschuhe werden handgemacht, und jede Tänzerin hat ihren eigenen Spitzenschuh mit personalisierten Größen-, Breiten- und Längenangaben. Sogenannte Maker stellen die Schuhe her. Je nach Beliebtheit kann die Lieferung bis zu neun Monate dauern. Die geeigneten Spitzenschuhe zu finden, ist ein langer Prozess, denn sie müssen der Tänzerin perfekt passen und wie eine zweite Haut sitzen.
Doch obwohl der Herstellungsprozess aufwendig ist, halten Spitzenschuhe meist nicht sehr lange. Je nach Intensität des Gebrauchs sind sie dann zu weich und »ausgetanzt«. Bevor die Schuhe das erste Mal zum Einsatz kommen, haben Tänzerinnen noch viel Arbeit vor sich. Zunächst einmal müssen Gummi- sowie Stoffbänder als Halt an die Schuhe genäht werden. Was danach passiert, gestaltet jede Tänzerin individuell. Einige nässen die Schuhe, nachdem sie fertig genäht sind, um die Form zu lockern und sie den Füßen und der Bewegung anzupassen, andere klopfen sie gegen Wände und Böden, und auch Hammer können zum Einsatz kommen.
Außerdem kann Schellack – üblicherweise für Holzpolitur gedacht – auf die Spitze aufgetragen werden, die dadurch härter wird und Halt gibt. Der Grat, die richtige Härte zu finden, ist ein sehr schmaler, und jede Tänzerin muss selbst herausfinden, was nötig ist, um den für sie perfekten Schuh zu gestalten.