Darf ich »Madama Butterfly« noch lieben?
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Mit der Rückkehr von Anthony Minghellas legendärer Madama Butterfly ins Repertoire der Wiener Staatsoper kehrt auch eine Debatte zurück, die brisanter kaum sein könnte: Wie gehen wir heute mit Werken um, die aus einem kolonial geprägten Blick entstanden sind – und die dennoch zum Kern des Opernkanons gehören? Was hören wir eigentlich an diesem Abend? Und was sehen wir?
Kaum ein kulturpolitischer Begriff ist derzeit so aufgeladen wie die »kulturelle Aneignung«. Kaum ein anderer vermag Feuilletons, soziale Medien und Probebühnen gleichermaßen in Erregung zu versetzen. Für die einen ist er ein notwendiges Korrektiv gegenüber jahrhundertelanger Dominanz, für die anderen ein moralischer Maulkorb, der künstlerische Freiheit unter Generalverdacht stellt – eine Debatte, die selten leise geführt wird.
Gemeint ist die Übernahme ästhetischer, religiöser oder sozialer Ausdrucksformen einer Kultur durch eine andere – insbesondere dann problematisch, wenn diese Übernahme innerhalb eines Machtgefälles geschieht. Wer appropriieren kann, ohne Konsequenzen zu fürchten, befindet sich meist auf der stärkeren Seite.
Was bedeutet das für »Madama Butterfly«?
Puccinis Oper entsteht 1904 in einer Welt imperialer Expansion. Japan war formal nie Kolonie westlicher Mächte. Doch nach der erzwungenen Öffnung des Landes durch Commodore Perry 1853 und die sogenannten »ungleichen Verträge« lebten westliche Staatsbürger in den neu geöffneten Hafenstädten unter besonderen Bedingungen. Man wohnte in eigenen, westlich geprägten Enklaven, hisste die eigene Flagge, feierte nach eigenen Regeln – und unterstand im Streitfall nicht japanischen Gerichten, sondern den Konsulaten des eigenen Landes. Diese Praxis nannte sich Extraterritorialität: ein juristisches Wort für eine sehr konkrete Erfahrung – man war im Ausland und doch nicht wirklich dessen Gesetzen unterworfen.
In einer solchen Atmosphäre bewegt sich Pinkerton. Seine Lässigkeit, sein ironischer Patriotismus, sein selbstverständlicher Zugriff auf Haus und Ehe sind nicht bloß persönliche Eigenschaften. Sie sind Ausdruck eines Systems, das ihm Bewegungsfreiheit garantiert. Die Ehe »für 999 Jahre, monatlich kündbar«, die er mit Cio-Cio-San schließt, ist Opernübertreibung – und trifft doch einen Kern: Er kann gehen. Sie nicht.
Während sich in den Hafenstädten Japans reale Machtverhältnisse verschoben, vollzog sich in Europa eine ganz andere Form der Annäherung: eine ästhetische. Um 1900 war der Japonismus Mode und Obsession zugleich. Holzschnitte, Kimonos, Lackarbeiten – Japan wurde Projektionsfläche für Eleganz und Fremdheit. Die Musik dagegen entzog sich dieser Bewunderung. Vielen galt sie als spröde, schwer zugänglich, »primitiv«.
In diesem Spannungsfeld arbeitet Puccini. Er nähert sich dem Fremden nicht als Ethnologe, sondern als Theatermann. Er studiert japanische Liedersammlungen, lässt sich Melodien vorsingen, integriert mit »Kimi ga yo« sogar die japanische Nationalhymne in seine Partitur. Das Lied »Miya Sama«, das er für den reichen Yamadori verwendet, kannte das europäische Publikum aus der Erfolgsoperette The Mikado von Gilbert und Sullivan – einer bissigen Satire auf die viktorianische Gesellschaft und ihre Japan-Begeisterung.
Daneben arbeitet Puccini mit pentatonischen Wendungen, mit Glockenspiel, mit gezupften Streichern, die an Koto oder Shamisen erinnern sollen. All das ergibt kein ethnografisches Protokoll. Es ergibt ein Bühnen-Japan – ein klangliches Zeichen für Fremdheit, das von Europa aus gedacht ist.
Hier liegt der neuralgische Punkt. Puccini bildet Japan nicht ab; er konstruiert es. Exotismus ist bei ihm kein klangliches Archiv fremder Kultur, sondern ein bewusst eingesetztes Theatermittel, ein Effekt. Japanische Elemente werden zu Zeichen von Fremdheit. Selbst das berühmte Motiv des Selbstmords von Butterflys Vater – lange für authentisch gehalten – stammt aus einer chinesischen Spieluhr. Die Differenz ist nicht dokumentarisch, sondern ästhetisch.
Doch wer nun den Vorwurf der kulturellen Aneignung erhebt, übersieht dabei vielleicht die Raffinesse der Partitur. Die »japanisch« konnotierten Melodien erklingen häufig gerade dann, wenn Butterfly sich als Amerikanerin behaupten will – wenn sie »Madama B. F. Pinkerton« genannt werden möchte. Die Musik widerspricht ihr. Sie erinnert an eine Herkunft, die nicht ausgelöscht werden kann. Exotismus wird hier nicht bloß dekorativ, sondern psychologischer Kommentar.
Und Pinkerton?
Er ist nicht nur Träger kolonialer Macht. Auch er wird musikalisch exotisiert. Seine Auftrittsarie ist von amerikanischen Signalen durchzogen, bis hin zu Anklängen an »The Star-Spangled Banner«. Für das italienische Publikum um 1900 war Amerika ebenfalls ein Projektionsraum: jung, aggressiv, selbstgewiss. Pinkertons Patriotismus, seine Mischung aus Sentimentalität und Zynismus, erscheinen wie eine Chiffre für eine fremde Moderne. Die Oper konstruiert also nicht nur ein exotisches Japan – sie konstruiert auch ein exotisches Amerika. Der Unterschied liegt im Machtgefälle. Pinkertons Exotik bleibt folgenlos. Sie schmückt seine Figur, sie charakterisiert ihn, aber sie entzieht ihm nichts. Er bleibt souverän, mobil, unangreifbar.
Bei Cio-Cio-San verhält es sich anders. Ihre Exotik ist nicht bloß Farbe, sondern Fessel. Sie macht sie zur Projektionsfläche. Als »zarte Japanerin«, als kindliche Braut, als Versprechen bedingungsloser Hingabe wird sie auf ein Bild reduziert – und genau dieses Bild erlaubt es Pinkerton, sie als Episode zu behandeln. Ihr Fremdsein ist kein ästhetischer Effekt, sondern Teil einer Machtstruktur. Sie wird begehrt, weil sie exotisch ist. Und gerade dadurch wird sie verletzlich.
Amour for you - eine andere Lesart
Ist Butterfly also das westliche Fantasiebild der opferbereiten Asiatin? Das Libretto flirtet mit dieser Vorstellung. Puccinis Musik jedoch widerspricht ihr. Ihre Stimme – insbesondere in »Un bel dì« – öffnet einen inneren Raum, der nicht dekorativ wirkt, sondern existenziell ist. Hier erklingt kein Ornament, sondern ein Bewusstsein. In der Musik wird Butterfly vom Projektionsbild zur handelnden Figur.
Seit Jahrzehnten wird diskutiert, ob sie bloß Opfer kolonialer Strukturen sei. Diese Perspektive ist legitim – doch sie ist nicht die einzige. Butterflys Handlungen folgen einer Logik, die sich nicht allein aus kultureller Unterordnung erklären lässt. Sie widersetzt sich ihrer Familie, lehnt Yamadori ab, der um sie wirbt, und verweigert jede pragmatische Lösung. Drei Jahre lang hält sie an der Vorstellung fest, dass ihre Ehe eine absolute Bindung ist. Für sie ist Liebe kein Vertrag, sondern Schicksal.
Man könnte dieses Verhalten als eine einseitige amour fou beschreiben – eine Liebe, die keine Relativierung kennt. Die Kulturgeschichte ist reich an solchen Paaren, quer durch die Genres: Romeo und Julia greifen zu Gift und Dolch, Tristan und Isolde versinken in Liebesnacht, Bonnie und Clyde sterben im Kugelhagel, Thelma and Louise jagen im Cabrio über die Klippen. Große Liebende fürchten den Tod nicht; sie nehmen ihn in Kauf als letzte Konsequenz einer Leidenschaft, die keine Halbheit duldet.
Doch Butterflys Fall ist radikaler. Ihre Liebe bleibt ohne Gegenseite. Pinkerton liebt nicht mit derselben Intensität, nicht mit derselben Konsequenz. Er kann gehen. Sie nicht. Während die großen Liebespaare gemeinsam an der Welt scheitern, scheitert Butterfly allein. Ihre Liebe findet keinen Widerhall, keine Spiegelung. Sie stirbt nicht für eine geteilte Leidenschaft, sondern für eine Vorstellung, die nur sie selbst aufrechterhält.
Und diese Vorstellung gilt nicht nur ihr selbst. Sie gilt auch ihrem Kind. In dem Moment, in dem Pinkerton zurückkehrt, verändert sich die innere Logik der Tragödie. Butterflys Tod ist nicht nur Geste der Leidenschaft, sondern auch Akt mütterlicher Verantwortung. Wenn sie nicht als Ehefrau bestehen kann, will sie wenigstens als Mutter handeln. Sie glaubt, ihrem Sohn eine Zukunft sichern zu müssen – selbst um den Preis ihres Lebens. Gerade diese Verbindung aus Liebesabsolutheit und Mutterschaft verleiht der Figur ihre erschütternde Größe.
Eine Inszenierung vor der Debatte
Anthony Minghellas Madama Butterfly entstand 2006 für die Metropolitan Opera in New York – zu einem Zeitpunkt, als der Begriff »kulturelle Aneignung« noch kein feuilletonistischer Dauerbrenner war. Die Produktion wurde ein überwältigender Erfolg und trat von dort aus ihren Weg durch die internationalen Opernhäuser an, bevor sie auch in Wien heimisch wurde. Sie reagierte also nicht auf eine bereits aufgeheizte kulturpolitische Diskussion. Und gerade deshalb wirkt sie heute bemerkenswert vorausschauend.
Minghella – einem breiten Publikum als Filmregisseur bekannt mit Werken wie The English Patient, The Talented Mr. Ripley oder Cold Mountain – dachte stets in Bildern, in Spiegelungen, in Blickachsen. Seine Opernregie ist von dieser filmischen Sensibilität geprägt. Der große Spiegel auf der Bühne ist kein dekoratives Element, sondern eine visuelle These: Wir sehen immer auch uns selbst beim Sehen. Realität und Projektion existieren gleichzeitig. Das Bühnenbild wird zum Kommentar auf den Blick, der sich Japan aneignet.
Gerade deshalb ist die Inszenierung gut gealtert. Sie versucht nicht, das historische Werk zu »korrigieren« oder zu modernisieren. Sie ersetzt kein Japanbild durch ein anderes. Stattdessen macht sie die Künstlichkeit sichtbar. Die Bunraku-Puppe für das Kind ist kein Versuch ethnografischer Authentizität, sondern eine bewusste Setzung: Das Theater zeigt sich als Theater. Das Artifizielle wird nicht versteckt, sondern betont. Und genau dadurch entsteht emotionale Wahrhaftigkeit.
Die Mitarbeit von Carolyn Choa, Minghellas Frau und Choreografin, ist dabei zentral. Ihre Vertrautheit mit ostasiatischen Theater- und Bewegungstraditionen verleiht der Produktion eine ritualisierte Präzision, die sich klar vom bloß Folkloristischen unterscheidet. Bewegungen werden Zeichen, Gesten werden Schrift. Die stumme Eröffnungsszene – Butterfly allein bei der Geburt ihres Kindes – verschiebt den Fokus: Bevor wir eine exotisierte Figur sehen, begegnen wir einem Menschen. Die Inszenierung setzt nicht beim Ornament an, sondern bei der existenziellen Situation.
In einer Zeit, in der die Debatte um kulturelle Aneignung oft in Lager zerfällt – hier die Verteidigung des Kanons, dort die moralische Anklage –, zeigt diese Produktion eine andere Möglichkeit. Sie verschweigt die Projektionen nicht. Sie stellt sie aus. Sie macht sichtbar, dass wir immer auf ein Bild blicken – und fragt, was dieses Bild mit uns macht.
Vielleicht besteht unsere Aufgabe heute nicht darin, historische Werke moralisch zu entsorgen oder sie unkritisch zu feiern. Vielleicht besteht sie darin, die Mechanismen offenzulegen, die in ihnen wirksam sind – Macht, Projektion, Sehnsucht, Begehren. Madama Butterfly eignet sich Japan an. Aber sie zeigt zugleich, wie Aneignung funktioniert – wie ein Blick Besitz ergreift und dabei zerstört.
Und genau darin liegt ihre bleibende Zumutung: Diese Oper erzählt nicht nur von einer tragischen Liebe. Sie erzählt davon, was geschieht, wenn wir das Fremde begehren – ohne bereit zu sein, es wirklich zu sehen.