»Biografie der Seele«
Ballett |
»Am 19. Januar 1919 um fünf Uhr nachmittags tanzte Vaslaw Nijinsky im Ballsaal des Suvretta House Hotels in St. Moritz zum letzten Mal öffentlich. Diese Aufführung nannte er seine ›Hochzeit mit Gott‹ (…)«, schreibt John Neumeier in der Inhaltsangabe zu seinem Ballett Nijinsky, das mit jenem Schlüsselmoment der Karriere des Jahrhunderttänzers beginnt und als Rahmenhandlung für Neumeiers Kreation einer »Biografie der Seele« dient. So ergänzt er: »Die anschließende Choreografie jedoch macht seine Gedanken, Erinnerungen und Halluzinationen während dieses letzten Auftritts sichtbar.« Rückblicke, ob imaginiert oder real, auf ein faszinierendes und doch so tragisches Leben, welches aus »zehn Jahren Wachsen, zehn Jahren Lernen, zehn Jahren Tanzen und dreißig Jahren Finsternis« (Richard Buckle) bestand.
Vaslaw Nijinsky, geboren 1889, war einer der führenden Tänzer der von Serge Diaghilew gegründeten Ballets Russes, einer Compagnie, die sich seit ihrer Gründung 1909 zu einem der einflussreichsten Ballettensembles entwickelte und Tanzkreationen als wahre Gesamtkunstwerke betrachtete. Diaghilews Vision, Ballettkunst als Treffpunkt für verschiedene Künste – Bewegung, Musik, Design – zu begreifen, ließ neue Seherfahrungen und Denkweisen über jene Kunstform entstehen und die Vorstellungen der Ballets Russes zur Sensation werden.
Nijinsky wurde während des ersten Paris-Gastspiels der Truppe schnell zu deren Star: Nicht nur seine außergewöhnliche technische Brillanz und Virtuosität, sondern vor allem seine intensive und zugleich sinnliche Präsenz beeindruckten das Publikum. Man nannte ihn den »dieu de la danse« (Gott des Tanzes), ein Spitzname, der zum Programm wurde und auch das Erscheinungsbild des männlichen Tänzers – mal androgyn, mal erotisch – anders erfahrbar machte.
Bald schon widmete sich Nijinsky auch der Choreografie. Skandal und Revolution in einem verband sich in seinem choreografischen Schaffen mit Werken wie L’Après-midi d’un faune (1912) und Le Sacre du printemps zu Igor Strawinskis gleichnamiger Komposition (1913).
Im Jahr der legendären Uraufführung des Sacre lernt Nijinsky auf einer Schiffsreise Romola de Pulzky kennen, beide heiraten während einer Südamerika-Tournee der Ballets Russes, die ohne Diaghilew stattfand, in Buenos Aires. Eine folgenreiche Entscheidung, die zum Bruch mit Diaghilew führt, der nicht nur Nijinskys Direktor und Förderer, sondern auch sein Liebhaber war.
Im Laufe des Ersten Weltkriegs zieht sich Nijinsky 1917 in die Schweiz zurück. Zwei Jahre später wird bei ihm eine schwere unheilbare psychische Erkrankung diagnostiziert, die ihn zwingt, seine Karriere zu beenden. So verbringt der Künstler die letzten dreißig Jahre seines Lebens unter der Obhut seiner Frau Romola und seiner Verwandten sowie in verschiedenen Anstalten. Er stirbt 1950 in der Nähe von London.
»Wenn man ein Werk über eine historische Persönlichkeit schafft, auf welchen Aspekt sollen wir uns konzentrieren? Wer war er wirklich; der Mensch? Der Künstler?«
Nijinskys außergewöhnliches künstlerisches Schaffen sowie sein persönliches Schicksal faszinierten Neumeier seit jeher. In seiner Heimat Milwaukee entdeckte der Choreograf als junger Mensch ein Buch über Vaslaw Nijinsky in einer Bibliothek. Durch dieses Werk wurde Nijinsky für Neumeier zu mehr als nur einer legendären Gestalt auf der Bühne. Er wurde zu einem Menschen mit Familie, Gefühlen und ganz persönlichen Herausforderungen.
Über Jahrzehnte hinweg sammelte Neumeier Bücher, Dokumente als auch Erinnerungsstücke über Nijinsky und baute eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen auf. Nachdem er 1979 ein Kurzballett mit dem Titel Vaslaw choreografierte, folgte im Jahr 2000, dem 50. Todestag Nijinskys, jenes abendfüllende Werk, das zu den wichtigsten Arbeiten Neumeiers zählt. Uraufgeführt mit dem Hamburg Ballett, der Compagnie, deren Direktor er 50 Jahre war, ist Nijinsky kein »typisches« Handlungsballett, sondern vielmehr die Gestaltung einer »Landschaft von Nijinskys Seele«: Ein getanzter Erinnerungsraum aus Gedanken, Ängsten, Träumen und inneren wie äußeren Konflikten.
Und so eröffnet sich ausgehend von jenem letzten öffentlichen Tanz, brillant und beängstigend zugleich – »Jetzt werde ich euch den Krieg tanzen, mit seinem Leid, seiner Zerstörung, seinem Tod. Den Krieg, den ihr nicht verhindert habt, für den ihr also mitverantwortlich seid« –, ein tänzerisches Porträt zu einer von Neumeier zusammengestellten musikalischen Collage mit Werken von Frédéric Chopin, Nikolaj Rimski-Korsakow, Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann.
In einem Konglomerat von Erinnerungen und Empfindungen erfährt das Publikum von der glanzvollen, innovativen und künstlerisch freien Epoche der Ballets Russes und Nijinskys berühmtesten Rollen wie dem Goldenen Sklaven in Scheherazade, dem Geist der Rose in Le Spectre de la Rose oder dem Faun in L’Après-midi d’un Faune, deren Spiegelbilder von Momenten und Personen aus seiner Kindheit durchbohrt werden, sowie von seinen zwei wichtigen Beziehungen zu Romola und Diaghilew. Mehr und mehr verweben sich im Laufe des Balletts Vergangenheit und Gegenwart, Bühnenleben und Kriegsrealität, Erfolg, Verlust und Verzweiflung. In Nijinskys Wahrnehmung ist nicht er dem Wahnsinn verfallen, sondern die Welt, die durch den Ersten Weltkrieg aus den Fugen geraten war. Immer tiefer in den inneren Strudel eintauchend kreiert Neumeier mit Nijinsky eine eindrucksvolle Hommage an diesen außergewöhnlichen Künstler, eine choreografische Annäherung, die nicht den Versuch unternimmt, ihn erklären zu wollen.