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Abigaille ist eine starke Kriegerin

Interview |

KS Anna Netrebko gibt in »Nabucco« ihre fünfte Verdi-Rolle an der Wiener Staatsoper

Nach der Tra­via­ta, Tro­va­to­re-Leo­no­ra, Aida und Lady Mac­beth gibt KS Anna Netrebko mit der Abi­gail­le in Na­buc­co nun ihre fünf­te Ver­di-Rol­le an der Wie­ner Staats­oper. Ei­ne Par­tie, mit der sie nicht nur an­dern­orts schon für Fu­ro­re sorg­te, son­dern ein wei­te­res Mal die in­ter­na­tio­na­le In­ter­pre­ta­ti­ons­ge­schich­te um ein wich­ti­ges Ka­pi­tel fort­schreibt. An­läs­slich der ak­tu­el­len Na­buc­co-Auf­füh­rungs­se­rie gab die Künst­le­rin das fol­gen­de In­ter­view.

Sie ha­ben gro­ße Lie­ben­de wie Vio­let­ta, Mi­mì, Aida ver­kör­pert, selbst­be­wusst-ge­ris­se­ne Lie­ben­de wie No­ri­na oder Adi­na, tra­gisch-dra­ma­ti­sche wie Tos­ca. Und sol­che, die durch ih­re Lie­be zu ech­ten Ver­bre­che­rin­nen wer­den, wie eben Abi­gail­le. Was fas­zi­niert Sie an ei­ner der­art pro­ble­ma­ti­schen Fi­gur wie die­se ba­by­lo­ni­sche Prin­zes­sin?

Ich se­he über­haupt kein Pro­blem in Abi­gail­les Cha­rak­ter! Sie ist viel­mehr ei­ne wil­lens­star­ke Frau. Es stimmt na­tür­lich, dass sie nach Macht und Ruhm strebt. Aber dar­an ist nichts grund­sätz­lich Fal­sches, vor al­lem, wenn wir sie in den Kon­text der Zeit stel­len, in der die Oper spielt. Das Le­ben hing da­mals oft vom stärks­ten, mäch­tigs­ten An­füh­rer, dem bes­se­ren Kämp­fer, dem bes­se­ren Mi­li­tär­stra­te­gen ab. Zu die­ser Zeit gab es nur we­ni­ge Bei­spie­le für Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen; die fik­ti­ve Abi­gail­le war ei­ne von ih­nen.

Auf­fal­lend ist, dass bei Ver­di sehr oft die star­ke Mut­ter­fi­gur fehlt. Könn­te ei­ne sol­che aus­glei­chend wir­ken und Abi­gail­le auf den rich­ti­gen Weg zu­rück­füh­ren?

Ich fin­de ih­ren Cha­rak­ter sehr kom­plex, zu­mal Abi­gail­le seit ih­rer Kind­heit kon­se­quent see­li­sche Ver­let­zun­gen durch ih­re un­mit­tel­ba­re Um­ge­bung er­fährt. Zu­nächst wird sie von ih­rem Va­ter au­gen­schein­lich ab­ge­lehnt, spä­ter weist sie ihr Ge­lieb­ter zu­rück: In ei­ner grau­sa­men Wen­dung des Schick­sals liebt der Mann, den sie liebt, in Wirk­lich­keit ih­re Schwes­ter. Und da­mit wird auch noch ih­re Schwes­ter zur Ri­va­lin – was in je­ner Zeit schwer­wie­gen­de macht­po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen nach sich zog. Ein­ge­bet­tet in das heu­ti­ge Um­feld könn­ten wir na­tür­lich ar­gu­men­tie­ren, dass Abi­gail­le viel­leicht an­ders ge­wor­den wä­re, wenn bei­spiels­wei­se ih­re Mut­ter sie ge­liebt hät­te. Das führt aber, glau­be ich, in ei­ne fal­sche Rich­tung. Es ist näm­lich mei­nes Er­ach­tens nicht mög­lich, die Ge­schich­te aus un­se­rer mo­der­nen Per­spek­ti­ve zu in­ter­pre­tie­ren, da Na­buc­co fest in ei­ner Zeit vor meh­re­ren tau­send Jah­ren ver­an­kert ist. 

Wir wis­sen, dass die Men­schen da­mals ein an­de­res Le­ben führ­ten und an­de­re In­ter­es­sen hat­ten als wir heu­te. Abi­gail­le wur­de in ei­nem von bru­ta­len Kämp­fen heim­ge­such­ten Land ge­bo­ren, wäh­rend sie auf­wuchs, sah sie um sich he­rum nur Krieg und Krie­ger. Es war ihr Schick­sal, Teil ih­rer DNA, eben­falls Krie­ge­rin zu wer­den. Ich wür­de sie dem­ent­spre­chend nie­mals als wut­be­stimmt oder bö­se be­zeich­nen. Sie folgt ein­fach den Re­geln ih­rer Zeit. Die Sän­ge­rin muss sich mit an­de­ren Wor­ten dem Stück be­zie­hungs­wei­se der Rol­le aus eben­die­ser Per­spek­ti­ve nä­hern: Wir wis­sen, dass Ne­bu­kad­ne­zar ein gro­ßer Krie­ger und ei­ne sehr mäch­ti­ge Per­sön­lich­keit war. Abi­gail­le hat nie exis­tiert, sie und al­le an­de­ren Fi­gu­ren au­ßer Na­buc­co sind fik­tiv. Aber dank Ver­dis ge­nia­ler und wun­der­schö­ner Mu­sik kön­nen wir uns vor­stel­len, wie sie zum Le­ben er­wa­chen und die­ses Dra­ma vor un­se­ren Oh­ren und Au­gen ent­ste­hen las­sen.

Wo lie­gen die vo­ka­len Her­aus­for­de­run­gen der Abi­gail­le? Die Rol­le gilt, seit­dem sich die Strep­po­ni die Stim­me an der Rol­le be­schä­digt hat, als ge­fähr­lich für die In­ter­pre­tin.

Die Par­tie birgt vie­le Her­aus­for­de­run­gen, und es kann ge­fähr­lich wer­den, da ha­ben Sie recht. Ei­ne Sän­ge­rin muss es sich da­her zwei­mal über­le­gen, be­vor sie die­se Rol­le an­nimmt; sie soll­te je­den­falls reif und er­fah­ren sein und über ei­ne tra­gen­de Stim­me mit ei­nem gro­ßen Um­fang ver­fü­gen: kraft­vol­le ho­he Tö­ne, sehr tie­fe Tö­ne, die nach­klin­gen, und Leich­tig­keit bei Ko­lo­ra­tu­ren. Und sie muss in der La­ge sein, gro­ße und plötz­li­che Sprün­ge in bei­de Rich­tun­gen zu meis­tern. Aber das ist noch nicht al­les: In vie­len Tei­len der Par­ti­tur ver­langt Ver­di von Abi­gail­le ei­nen kunst­vol­len Bel­can­to-Ge­sang, und die In­ter­pre­tin muss in der La­ge sein, dies zu leis­ten. Ih­re Stim­me soll­te in die­sen Mo­men­ten be­son­ders schön sein: Can­ti­le­na, le­ga­to und pia­nis­si­mo, wie von Ver­di ge­schrie­ben. Ich konn­te eben­dies in ei­ni­gen frü­hen Li­ve-Auf­füh­run­gen der Cal­las als Abi­gail­le hö­ren, Auf­füh­run­gen, die nicht zu­letzt ge­ra­de dar­um ab­so­lut be­mer­kens­wert sind. Um­ge­kehrt muss Abi­gail­le in den Pas­sa­gen, in de­nen sie mit ih­rem stimm­li­chen Feu­er­werk die Büh­ne do­mi­nie­ren soll, selbst­ver­ständ­lich auch Tem­pe­ra­ment und Kraft zei­gen.

Möch­te Abi­gail­le Lie­be und Macht, oder wür­de ihr die Lie­be Is­ma­e­les rei­chen? Könn­te sie mit Is­ma­e­le an der Sei­te auf den Thron ver­zich­ten?

Ich hal­te Abi­gail­le für ei­ne sehr star­ke Krie­ge­rin. Sie be­sitzt zwei­fel­los auch ei­ne ver­bor­ge­ne, ly­ri­sche Sei­te, die wird aber von ih­rem Macht­stre­ben klar über­la­gert. Das Kämp­fen liegt ihr ganz of­fen­sicht­lich mehr im Blut als ein kli­schee­haf­tes Gat­tin­nen-Schick­sal oder blo­ßes Mut­ter­sein. Das er­spü­re ich aus ih­rer Mu­sik. Ich glau­be al­so nicht, dass sie glück­lich wä­re, wenn sie nur Is­ma­e­le an ih­rer Sei­te hät­te; sie ist ab­so­lut nicht die­se Art von Frau.

Ist Abi­gail­le nicht ein Op­fer, ei­ne, die nie­mand mag? Ei­ne Ge­trie­be­ne, mit der man Mit­leid ha­ben soll­te? Sie er­kennt ja im­mer­hin am En­de, falsch ge­han­delt zu ha­ben.

Es stimmt nicht, dass nie­mand sie mag. Sie hat, zu­min­dest zeit­wei­se, viel Un­ter­stüt­zung von un­ter­schied­lichs­ten Men­schen, wenn auch nicht von den ihr be­son­ders Na­he­ste­hen­den. Aber eben nur zeit­wei­se. So ist das Le­ben nun ein­mal: Wenn man ganz oben ist, lie­ben ei­nen die Men­schen. Wenn je­mand Stär­ke­rer kommt, wird man fal­len ge­las­sen. Das sind die Spiel­re­geln, wa­ren die Spiel­re­geln ganz be­son­ders zu die­ser Zeit. Ich weiß nicht, ob Abi­gail­le in dem Mo­ment, in dem sie das Gift nimmt, wirk­lich rea­li­siert, dass sie ih­rer Schwes­ter ge­gen­über falsch oder grau­sam ge­han­delt hat, oder ob es nicht ih­re ein­zi­ge ver­blie­be­ne Op­ti­on ist: ein­fach zu ver­schwin­den. Sie hat das Spiel ver­lo­ren, sie hat den Kampf ver­lo­ren, sie hat die Kro­ne ver­lo­ren. Sie steht vor dem En­de ih­res Ruhms. Aus ih­rem Blick­win­kel her­aus kann es so­mit kei­ne Zu­kunft für sie ge­ben.

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