Über das Werk
Das Leben einer Gruppe junger Künstler im Paris des 19. Jahrhunderts. Eine Liebesgeschichte zwischen dem Dichter Rodolfo und der Nachbarin Mimi, einer armen Näherin.
Ihre Beziehung durchlebt Höhen und Tiefen, während sie gemeinsam mit ihren Freunden Marcello, Musetta, Schaunard und Colline die Freuden und Herausforderungen des Künstlerlebens teilen. Doch tragische Umstände und die Armut der Zeit stellen ihre Liebe auf die Probe. Eine zeitlose Geschichte von Liebe, Verlust und dem Streben nach Schönheit.
La Bohème
Handlung
Der Weihnachtsabend in der von vier jungen Künstlern bewohnten armseligen Mansarde wird sich kaum von anderen Abenden unterscheiden:
Marcello arbeitet an einem Gemälde, Rodolfo, Dichter und Schriftsteller, blickt über die Dächer von Paris. Sie haben kein Geld, sie frieren und sind doch guten Muts. Ein Bündel Manuskripte heizt den Ofen nur für Augenblicke. Colline, seines Zeichens Philosoph, kommt unverrichteter Dinge nach Hause – das Leihhaus war geschlossen.
Aber der vierte, Schaunard, der Musiker, hat mehr Glück. Er erzählt, keiner hört zu – die mitgebrachten Lebensmittel versprechen ein frohes Fest. Schaunard aber will es anders – am Weihnachtsabend wird ausgegangen. Noch droht Gefahr: Der Hausbesitzer klopft und verlangt die Miete. Ein Glas Wein und die Freundlichkeit der Künstler lassen ihn in die Falle stolpern; zwinkernd spricht er von einem Liebesabenteuer, Grund genug für die Freunde, ihm mit gut gespielter moralischer Entrüstung die Tür zu weisen.
Rodolfo bleibt noch, um einen Artikel zu beenden, während die anderen ins Café Momus vorausgehen. Es klopft: Eine junge Frau ist draußen, sie möchte die erloschene Kerze anzünden. Von Husten gequält sinkt sie zusammen. Dann, dankbar für gewährte Hilfe, will sie wieder gehen; doch der Wohnungsschlüssel ist, nicht ganz zufällig, in Verlust geraten, die Zugluft lässt alle Lichter verlöschen. In der Finsternis finden sich die Hände. Mimì werde sie genannt, lässt sie wissen, sie sticke Blumen … Draußen rufen die Freunde.
Der Weihnachtsabend hat seine Trübseligkeit verloren.
Das Studentenviertel von Paris bietet ein buntes Bild. Scharen von Menschen durchziehen die Straßen. Rodolfo kauft seiner Mimì ein Häubchen und lädt sie ins Café Momus ein, stellt sie den Freunden vor, freut sich an deren Bewunderung.
Nur Marcello hat Kummer, und sein Kummer hat einen Namen: Musetta. An der Seite eines ebenso alten wie reichen Galans erscheint sie mit der festen Absicht, alle Register der Verführungskunst zu ziehen. Diesem in aller Öffentlichkeit vorgetragenen Ansturm ist Marcello nicht gewachsen, und eine alte, große Liebe wird frisch gekittet.
Ein trüber Februarmorgen an der Zollschranke, die einen Pariser Vorort von der Innenstadt trennt.
Arbeiter, Fuhrleute, Milchfrauen werden durchgelassen, ziehen an der Schenke vorbei, die von einem halbfertigen Bild Marcellos geziert wird. Der Wind scheint Musettas Stimme herüberzuwehen. Es ist kalt, Mimì hatte Streit mit Rodolfo, Marcello soll vermitteln. Rodolfo scheine sie zu fliehen, sie wisse nicht, warum.
Auch Marcello ahnt nicht die wahren Gründe; Rodolfo entdeckt sie ihm: Mimì sei todkrank, sie habe nur noch kurze Zeit zu leben, und er ertrage nicht, sie leiden zu sehen. Er muss noch mehr ertragen: Mimì hat ihr Todesurteil mitangehört, ein Hustenanfall verrät ihre Gegenwart. Und Rodolfos Liebe gelingt das Schwerste: Verzweiflung zu mildern, Ruhe in das gequälte Herz zu bringen. Seltsamer Kontrast: Marcello und Musetta. Ihre Liebe scheint den Streit zu suchen.
Drei oder vier Monate sind vergangen. Marcello und Rodolfo haben ihre Geliebten verloren. Sinnend sitzen sie bei der Arbeit. Wo ist Musetta, wo ist Mimì? Lassen sich die unbekümmerten Tage von einst wiederholen?
Fast scheint es so: Sobald Schaunard und Colline mit wenigen armseligen Lebensmitteln kommen, wird die Stimmung besser; man versucht, die alte Fröhlichkeit hervorzuholen, spielt Theater, tanzt, duelliert sich … Musetta bringt Mimì herein.
Mimì ist vom Tode gezeichnet. Alles bemüht sich um sie; dankbar erkennt sie die Freunde.
Durch ihren Blick werden Musetta und Marcello vereint. Musetta opfert ihre Ohrringe, um der Kranken den letzten Wunsch zu erfüllen: einen Muff. Und Colline, ein Philosoph mit Herz, versetzt seinen alten Mantel. Rodolfo bleibt bei der Sterbenden; sie sind allein mit ihren Erinnerungen. Die Freunde kommen mit ihren Gaben zurück, eine letzte Freude für Mimì. Sanft schlummert sie hinüber.
Franco Zeffirellis bekannte, ja, berühmte Inszenierung steht seit mehr als einem halben Jahrhundert auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper. Generationen von Opernbesucherinnen und Opernbesuchern folgten dem tragisch-heiteren Leben der jungen Leute in einer atmosphärisch treffenden wie detailverliebten Bühnenumgebung. Zeffirelli erzählt das zarte Aufkeimen der Liebe zwischen Mimì und Rodolfo mit einem so gerührten wie unpathetischen Blick auf das Paar, mischt zuweilen – nicht zu deftige – Komik unter, bietet pittoreske Bilder in den Massenszenen, um im dritten Bild die auch musikalisch ausgedrückte Winterstimmung gekonnt einzufangen. Seine Setzung des tragischen Finales ist ein Musterbeispiel an gekonnter Zurücknahme: Man sieht Menschen auf der Bühne, deren Leid nicht nur berührt, sondern trifft – besser ist Puccinis Meisterwerk nicht in Bilder zu fassen.
Musikalisch fasste Puccini das Geschehen in eine so komplexe wie bilderreiche Klangsprache, die sofort in den Bann zieht. Hier der Trubel der Massen, dort die zarte Annäherung des Liebespaares, dann wieder das große Liebesglück und ebensolcher Schmerz: Ein Kosmos, der das Publikum stets verzaubert und bannt. Wenn etwa Mimì in ihrer großen Arie im ersten Bild den anbrechenden Frühling besingt, dann lässt Puccini den Gesang und das Orchester aufstrahlen und nimmt das Publikum so mit in Mimìs Welt; und wenn er Rodolfo sein Dichterleben besingen lässt, dann ist man ganz bei dem Poeten, in dessen armen, aber jugendlich-stolzen Leben. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch ein Thomas Mann in seinem Der Zauberberg auf die besonderen Qualitäten dieser Oper einging.